Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

HLAVAC, Franz: Die Armeereorganisation der Jahre 1881–1883 in der Donaumonarchie

256 Franz Hlavac rung „zweckdienlichen Gebrauch“ machen könne 58 *). In kurzen Punkten zählt dieses Memorandum die einzelnen Reformmaßnahmen auf. Dabei wurde auch erwähnt, daß eine Mobilisierung vor Ende Mai 1883 für die österreichisch-ungarische Armee sehr unerwünscht sei und dieser Um­stand bei den politischen und militärischen Kalkülen in Betracht gezogen werden müsse. Ausgehend von diesem Memorandum scheint an dieser Stelle ein kurzer Exkurs über die Beziehungen zu Deutschland und ein Blick auf die politische Lage des Jahres 1882 angebracht. Die Auswirkun­gen des Zweibunds, des Dreikaiserbündnisses und des Dreibunds dürfen wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Während der Reorganisationsverhandlungen wurde immer die außenpoli­tische Situation in Erwägung gezogen, und man war schließlich zur Über­zeugung gelangt, daß im Winter 1882/83 kein Krieg eintreten werde, die Zeit für die Durchführung der Reformen daher günstig sei69). Anfang 1882 hatte jedoch der russische General der Kavallerie Dimitrievic Skobe- lev durch provozierende Reden 60), die von Zar Alexander III. durch keine angemessene Zurechtweisung Skobelevs entkräftet wurden, die Gefahren eines Krieges heraufbeschworen. Durch diesen Zwischenfall wurde FML Beck veranlaßt, sich mit einem möglichen Krieg Österreich-Ungarns gegen Rußland zu beschäftigen. In einer Denkschrift vom April 1882 61 62) empfahl Beck Reformen in der Organisation des Heeres, besonders die erweiterte Heranziehung der Ersatzreserve, die Ausarbeitung eines Kriegs­leistungsgesetzes und eines allgemeinen Landsturmgesetzes, die Ände­rung des Pferdekonskriptionsgesetzes und schließlich den Bau neuer Bahnen nach Galizien. In politischen Belangen stimmte er mit dem Außen­minister Graf Kálnoky überein, dessen Streben danach ging, Österreich- Ungarn eine Stellung zu verschaffen, die anzugreifen für Rußland ein gro­ßes Risiko bot. Der Forderung Becks, mit Deutschland die politischen Ziele eines Krieges zu vereinbaren und einen allgemeinen Kriegs- und Opera­tionsplan in großen Zügen festzulegen, stimmte Kálnoky zu. Obwohl Bismarck nach den Skobelevreden der Überzeugung war, daß man nicht am Vorabend eines Krieges stehe, griff er den von Beck ange­regten Gedankenaustausch auf und beauftragte den Prinzen Reuß, Kál­noky zu sagen, er halte es für nützlich „wenn Deutschland und Österreich beizeiten über gewisse strategische Gesichtspunkte sich verständigen“ °2). 58) KA KM Präs 45-16/11 ex 1882. 5») KA KM Präs 45-16/1 ex 1882. 60) Vgl. zu den Reden von Petersburg (24. Jänner), Paris (17. Februar) und Warschau (3. März) Ernst Rutkowski General Skobelev und die Krise des Jahres 1882 in Ostdeutsche Wissenschaft 10 (1963) 81—151. 61) KA MKSM Sep. Fasz. 74 n. XVI. 62) Wolfgang Windelband Bismarck und die europäischen Großmächte 1879—1885 (Essen 1940) 357 f behauptet, Bismarck habe diese Verständigung angeregt; Gerhard Ritter Staatskunst und Kriegshandwerk 1 (München 1954)

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