Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

POSCH, Fritz: Das Archivwesen der Länder und die Entstehung der österreichischen Landesarchive

Das Archivwesen der Länder 63 fänge noch einer festen Grundlage entbehren, da nicht Fachleute, sondern Liebhaber am Werk waren. Da Mähren als erstes Land voranging, ist es nötig, hier etwas auszugreifen. Mit der Betrauung von Boczek zum Archi­var des Landschaftsarchivs wurde hier jene Kraft gewonnen, die die Fähigkeit und Arbeitskraft hatte, neue Wege zu beschreiten. Der intellek­tuelle Urheber des Mährischen Landesarchivs aber ist Graf Anton Fried­rich v. Mittrowsky, der große Mäzen der mährischen Geschichtsforschung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert, der 1815 bis 1827 mährischer Landeshauptmann war. Mittrowsky forderte die Herausgabe eines Codex Diplomaticus epistolaris Moravie und veröffentlichte die ersten vier Bände auf seine Kosten. Für diese Arbeit bildete er Anton Boczek heran, womit die Vorbedingung und der An­stoß zur Schaffung eines mährischen Landesarchivs in dem Sinne einer Stätte für die Sammlung, Verwahrung und wissenschaftliche Bearbeitung des auf die Landesgeschichte bezüglichen archivalischen und historischen Materials gegeben war, da nun in Gemeinden, Klöstern, Pfarren, Schlössern, bei Privaten und bei Ämtern das Interesse für die urkundlichen, handschriftlichen und sonstigen antiquarischen Schätze im Lande geweckt wurde48). Boczek legte den ersten Band des mährischen Urkundenbuches (bis 1200 reichend) bereits 1836 vor und erhielt dafür den Titel eines mährisch-ständischen Historiographen und wurde 1839 ständischer Archivar. Prälat Cyrill Napp vom Augustinerkloster in Alt­brünn arbeitete 1840 die Amtsinstruktion für Boczek als Landesarchivar und Historiographen aus, die erste in ihrer Art, woraus ersichtlich ist, daß es sich hier nicht um die Ordnung und wissenschaftliche Verarbeitung der im Besitze der Stände befindlichen Archivalien handelte, sondern um die Schaffung einer wissenschaftlichen Zentralstelle für die Erforschung der Landesgeschichte. Das Hauptaugenmerk war nicht auf das eigene Archiv, sondern auf die wissen­schaftliche Erforschung der fremden, für die Landesgeschichte wichtigen Archive, auf Kopier- und Exzerpierarbeiten gerichtet, durch die man ein eigentliches Landesarchiv schaffen zu können glaubte 49 *). Boczek, der schon seit 1827 zahlreiche Archive durchforscht und „bearbeitet“ hatte, führte diese Bereisungen im Lande nun weiter und erstattete von 1841 bis 1846 jährlich einen Reisebericht über seine archivalischen Forschungen in den verschiedenen geistlichen, städtischen und adeligen Archiven im Lande, belegt mit hunderten Abschriften und Exzerpten. Stets war er ausgestattet mit den Ersuchsschreiben des Landesausschusses, dem ständischen Archivar und Historiographen entgegenzukommen, und fast überall wurde er freundlich und verständnisvoll aufgenommen. Daneben ließ er von 1839 bis 1845 die Bände 2, 3 und 4 seines mährischen Urkundenbuches erscheinen und bereitete das Material für die Fortsetzung vor. In Boczeks Amtszeit — er starb 1847 — fällt auch der endgültige Abschluß der Verhandlungen wegen des Ankaufs des Cerronischen Manuskriptennachlasses durch das Land Mähren, der für die wei­tere Geschichte und Entwicklung des mährischen Landesarchivs bedeutsam wurde ä0). Nach einem kurzen Interregnum vermochten vaterlandsbegeisterte mährische Abgeordnete den neuen Landtag im Jahre 1849 neuerdings zur Bewilligung der notwendigen Mittel zu überreden. Es fiel das Wort „Ein Volk, das seine Ge­48) Bretholz Mährisches Landesarchiv 3. 49) Ebenda 12 ff. 5") Ebenda 18 ff.

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