Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
FICHTENAU, Heinrich: Archive der Karolingerzeit
18 Heinrich Fichtenau aber kein Archiv. Das Kloster selbst besaß eine Bibliothek, jedoch anscheinend kein Archiv als eigene Einheit12). Jedenfalls berichten unter Ekkehard IV. (um 980—1060) die Casus sancti Galli, daß die Urkundenbestände im „armarium“ aufgehoben wurden. Neben diesem Raum gab es einen weiteren, kleinen, die Schatzkammer 13 14). Gewiß gehörte St. Gallen im ersten Jahrhundert nach seinem Entstehen nicht zu den reichen Klöstern, aber das Urkundenschreiben hatte hier seine alte, bis in die erste Mönchsgeneration zurückreichende Tradition u). Von den bis zum Jahre 920 hier entstandenen oder archivierten Cartae haben sich bis heute 839 Stück erhalten, trotz sehr widriger Schicksale in der Reformationszeit und noch später. Warum hat man diesem Schatz keinen eigenen Raum gewidmet? Sucht man nach einer Antwort auf diese Frage, so ist vor allem zu bedenken, daß diese 839 Urkunden wahrscheinlich weniger Raum beanspruchten, als die 36 erhaltenen Papyri von Ravenna, also ein Bruchteil der einstigen, gerade in karolingischer Zeit dezimierten 15 *) Bestände. Ein solcher Papyrus war etwas über einen Viertelmeter breit und konnte mehrere Meter lang sein; P. 4—5 von Ravenna mißt noch in seiner heutigen fragmentarischen Gestalt etwas mehr als 6 Meter in der Länge. Wenn man die Papyri zur Schonung nach antikem Gebrauch in Tonkrügen aufbewahrte, steigerte dies noch den schon durch die Rollenform „voluminösen“ Charakter dieses Archivgutes. Es nahm sich immerhin noch bescheiden aus gegenüber byzantinischen Kaiserurkunden, die anscheinend noch breiter, in jedem Fall einige Meter lang und in einer eigenen Truhe zu verwahren waren. Die St. Gallener Urkunden, von unregelmäßiger Form, bedecken jeweils eine Fläche von kaum mehr als 2—3 Quadratdezimetern. Sie waren mehrfach gefaltet, mit Dorsualnotizen aus alter Zeit1C), die 12) Albert Bruckner Die Anfänge des St. Gallér Stiftsarchivs in Festschrift Gustav Binz (Basel 1935) 120 f. 13) Ekkehard IV. Die Geschichten des Klosters St. Gallen, hg. von Hanno Helbling (Geschichtsschreiber d. dt. Vorzeit 3, Gesamtausg. Bd. 102) 192c. 112, vgl. 107 Anm. 389: „Auf dem Klosterplan ist eine Schatzkammer nicht verzeichnet; sie dürfte sich in der Nähe der Sakristei befunden haben“. Vgl. Émile Lesne Histoire de la propriété ecclésiastique en France 3 (Lille 1936) 121. Für St. Gallen ist der Plan keineswegs maßgebend, da das überlieferte Exemplar auf der Reichenau entstand: Bernhard Bischoff Mittelalterliche Studien 1 (Stuttgart 1966) 48. 14) Albert Bruckner in Scriptoria medii aevi Helvetica 2 (Genf 1936) 14 f. 15) Erzbischof Georg von Ravenna reiste 840 zu Kaiser Lothar, „et privilegia, quae Maurus (ca. 642—671) et ceteri pontifices Ravennenses meruerunt a sacris principibus, omnia deportabat.“ Er geriet jedoch mit seinem Gefolge in die Schlacht von Fontenoy; „privilegia antiqua, cum quibus se fatebat ex potestate Romani papae subtrahere, in loto proiectae sunt et ab hastis lanceae comminutae.“ Agnellus 389, 391 c. 173 f. i«) Bruckner Anfänge des Stiftsarchivs 130 Anm. 56; vgl. Paul S t a e r k-