Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

PACH, Sigmund Paul: Zur Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Ungarn im 15. und 16. Jahrhundert

252 Sigismund Paul Padi ungarischen Märkte36). Aber diese Entwicklungstendenzen „modernen Typs“ wurden auch von einigen deutschen Städten, sogar ost-mitteleuro­päischen Bezirken befolgt: Sie haben nicht nur die westeuropäischen Wa­ren vermittelt, sondern — mit ihnen konkurrierend — auch ihre eigene Textilindustrie entwickelt, insbesondere auf dem Gebiete der Herstellung von billigeren, konkurrenzfähigen, für einen breiteren Absatzmarkt be­stimmten Stoffarten37). Zur selben Zeit, als Wien und die westungari­schen Städte (Preßburg, Ödenburg) sich in diese neue Richtung der Ge­werbeentwicklung nicht einschalten konnten und bereits in den letzten Jahrzehnten des 15. und in den ersten des 16. Jahrhunderts Merkmale einer industriellen Stagnation und Reagrarisation auf wiesen 38), läßt sich gerade in den mittleren und unteren Teilen Schlesiens, besonders in Görlitz, sowie in den nördlichen und südwestlichen Städten Mährens, so auch in Iglau, ein beachtlicher Fortschritt in dieser Richtung beobachten, welcher auch die zeitweiligen Rückfälle zu überwinden imstande war39). Die schlesischen und mährischen Wollstoffe mittelmäßiger und billiger Qualität haben — wie aus den Dreißigstbüchern 1542 ersichtlich — auch in der über die Zollstellen der westlichen Grenzscheide abgewickelten Einfuhr einen hervorragenden Platz eingenommen; im Nord- und Nord­westverkehr aber machten sie den weit überwiegenden Teil der Gesamt­einfuhr aus: In der Silleiner Einfuhr von etwa 2400 Stück im Jahre 1530 waren 925 Stück mährisches und mehr als 1000 Stück (30 Ballen und 172 Stück) schlesisches (Görlitzer) Tuch, während die westeuropäischen und deutschen Waren nur mit kleineren Posten vertreten waren: das Heaton The Yorkshire Woollen and Worsted Industries. From the earliest times up to the Industrial Revolution (Oxford 1920) 68—88; E. L. J. Coor- n a e r t Un centre industriel d’autrefois. La dro.perie-sayetterie d’Hondschoote XlVe—XVIIIe siecles (Paris 1930) 10—21, 244—246; D. C. Coleman An Innovation and its Diffusion: the „New Draperies“ in The Economic History Review 2nd Ser. 22 (1969) 419—422. 36) Unter den neueren, billigeren Schafwollgeweben, die von den „echten“ Tuchsorten zu den „New Draperies“ etwa einen Übergang bildeten, fanden be­sonders die englischen ,,Kersey“-(kersie-) Stoffe eine zunehmende Nachfrage auf den ostmitteleuropäischen Märkten im 16. Jahrhundert. 1457—58 wurden nur 3 Stück „Kirsing“ in Preßburg verzollt; die Dreißigstbücher von 1542 registrieren hingegen schon 272 Stück, die türkischen Zollabrechnungen von Waitzen 1563—64 (7!4 Monate) 520 Stück, die von Ofen 1571 aber 1128 Stück „Karasia“-Gewebe innerhalb der importierten Textilwaren. 37) Wendt Schlesien 31; György Székely A németalföldi és az angol posztó fajtáinak elterjedése a XIII—XVII. századi Közép-Európában [Die Verbreitung der niederländischen und englischen Tuchsorten in Mitteleuropa im 13.—17. Jahrhundert] in Századok 102 (1968) 12. 38) Mayer Der auswärtige Handel 111—112; Engel-Janosi Wiener Kaufmannschaft 41—42; Jenő Szücs Das Städtewesen in Ungarn im 15,-—17. Jahrhundert in Studia Historica Academiae Scientiarum Hungaricae 53 (Budapest 1963) 117—118, 123—124. 39) Wendt Schlesien 15, 61; H o r v á t h Prispevok 173—174.

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