Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

FICHTENAU, Heinrich: Archive der Karolingerzeit

Archive der Karolingerzeit Von Heinrich Fichtenau (Wien) Aufstieg und Rückbildung des antiken Archivwesens spiegeln sich in den Worten, die man für den Begriff „Archiv“ gebrauchte. In Griechen­land hatte man es vorerst nicht nötig, dafür ein eigenes Wort zu finden; „áp'/stov“ hieß zuerst die Behörde, dann ihr Amtslokal und erst in dritter Linie die Summe der dort reponierten Archivalien 1). Für das gewissen­hafte Römertum wurde das Archivgebäude zum Hauptbegriff, die „aedes tabularia“, das „tabularium“ und später (mit einem Lehnwort) das „archi(v)um“1 2). Es handelt sich dabei um die ersten nachchristlichen Jahrhunderte, in denen man — griechischem Gebrauch folgend — nicht mehr so sehr auf „tabulae“, als auf Papyrusrollen schrieb. Vielleicht hat diese Umstellung zur Einführung des Fremdwortes beigetragen? Tabularium und Archiv waren fest umrissene Begriffe; höchstens zu der „Bibliothek“ bestanden Querverbindungen, wie sich dies aus der Sache ergibt. Daneben mehrt sich jedoch — soweit sich schon jetzt, vor der Voll­endung des Thesaurus linguae latinae, sehen läßt — die Verwendung un­präziser Worte, die mehr enthalten, als unser Begriff „Archiv“. In erster Linie ist da „scrinium“ zu nennen, „der Schrein“ — also nicht mehr ein Bau oder ein Raum in diesem, sondern dem Wort nach viel weniger. Und auch der Sache nach: „Seit Diocletian auf eine feste Residenz verzichtet und die Kaiserhöfe zu Wanderlagern umgestaltet hatte, mußten die Koffer, in denen man die unentbehrlichsten Schriftstücke auf den Reisen mitführte, zu den Mittelpunkten der kaiserlichen Kanzleien werden und gaben ihnen daher den Namen, der bald auch auf die Kanzleien der Beam­ten übertragen wurde“ 3). Das Wort konnte also sowohl eine Kanzlei be­deuten, als deren Archivgut, als auch weiterhin ein Behältnis für die ver­schiedensten Dinge. Als die kaiserlichen Büros wiederum feste Standorte bezogen, blieb der Ausdruck; er wurde zum Lehnwort trxpmov, mit dem z. B. Justinian oftmals seine Verwaltungsorgane bezeichnete 4). In Byzanz 1) Karl Dziatzko in Pauly-Wissowa Real-Encyclopädie der classi- schen Altertumswissenschaft II 1 (Stuttgart 1895) col. 553 f. 2) Thesaurus linguae latinae 2 (Lipsiae 1900—-1906) col. 466. 3) Otto Seeck in Pauly-Wissowa II A 1 (Stuttgart 1921) col. 894 s. v. „scrinium“. 4) Die Stellen im Codex verzeichnet Marian San Nicolö Vocabularium

Next

/
Thumbnails
Contents