Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai
Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871 181 sicht auf die dadurch gegebenen Beziehungen beider Reiche zu mehreren der auswärtigen Staaten als geboten erscheinen lassen. [28] Frankreichs Rache hat Preußen-Deutschland allerdings, soweit dabei die gegenseitigen Machtverhältnisse in Betracht kommen, noch auf lange Zeit zu fürchten keine Ursache. Eben so wenig aber ist daran zu zweifeln, daß, welche Regierung immer aus dem jetzigen Chaos hervorgehen möge, die Gedanken der nationalen Wiedererhebung das Feld sein und immer mehr werden müssen, auf welchem ehrgeizige Staatsmänner und Parteihäupter sich bewegen werden. Den Mangel militärischer Überlegenheit wird man durch Bündnisse und durch revolutionäre Umtriebe zu ersetzen suchen, welch letztere nach Umständen das kirchliche sowohl wie das politische Gebiet auszunützen trachten werden. Frankreich droht daher für Deutschland ein sehr unbequemer, wenn auch noch m) ungefährlicher Nachbar zu bleiben, für uns dagegen ein befreundeter, in Wahrheit aber sehr gefährlicher Gesellschafter zu werden, sofern zwischen Deutschland und Österreich Kälte und Spannung anstatt Freundschaft und Zusammengehen hervortreten. Ein scharfes Marquieren unserer Politik ist deshalb nicht bloß in unserem, sondern im Interesse des unsere Sympathien verdienenden Frankreichs geboten. Nichts wäre gefährlicher für uns sowohl als für Frankreich, Illusionen entstehen zu lassen, welche zu enttäuschen für uns eben sowohl zur unabweislichen Pflicht als zur peinlichen Aufgabe werden müßte und womit wir einer definitiven, Fleisch und Bein gewinnenden n) preußisch-russischen Allianz die Wege ebnen würden. [29] Andererseits hat Deutschland ein unverkennbares Interesse daran, daß es von jener seine friedliche Entwicklung immerhin störenden Beunruhigung möglichst befreit werde, und diesem Bedürfnis können wir am ersten Befriedigung gewähren, wenn wir mit Frankreich solche Beziehungen unterhalten, welche in uns einen Freund, aber einen aufrichtigen Freund erkennen lassen, der in ihm keine Täuschung aufkommen läßt. [30] Ein mit dieser letzteren Betrachtung verwandter Gegenstand führt durch seine Erörterung zu gleichen Resultaten. Euer Majestät hat in den letzten Tagen ein wenn auch mehr geistvoll als gründlich geschriebenes °), dennoch in vielen Punkten sehr treffendes Memoire über die Zukunft Frankreichs, namentlich dessen sozialistische Bewegung, Vorgelegen. Mögen immer die Unternehmungen der verschiedenen Prätendenten in der allernächsten Zukunft diese Bewegung lähmen, sie kann leider dadurch auch p) neue Nahrung gewinnen und die konservativen Elemente in Europa werden damit zu rechnen haben. Hier also liegt offenbar ein gemeinsames Interesse, von dessen Wahrung bei einem Einverständnis zwischen Österreich und Deutschland eben so viel zu gewinnen als dasselbe bei einer Entfremdung beider Reiche zu verlieren hat. — Noch mehr wäre dafür zu erreichen, wenn ein beiderseitiges Einvernehmen zur Auffindung gemeinsamer Mittel führte, um den von jener Bewegung uns drohenden Gefahren im gesetzlichen Wege zu begegnen, wobei es nicht allein auf polizeiliche Vorkehrungen, sondern zugleich auf reformatorische Arbeiten ankommen würde. Ein solches übereinstimmendes Vorgehen würde in unserer Bevölkerung mit Achtung und Vertrauen aufgenommen werden, wenn dasselbe sich als Resultat des Einvernehmens mit unserem deutschen Nachbar allein <J) herausstellte, nicht aber, wenn dieses Einvernehmen noch andere Teilnehmer fände, und dies führt mich zur Beleuchtung unserer Beziehungen zu unserem östlichen Nachbar. m) B verbessert aus wohl. — n) B verbessert aus werdenden. — °) B ergänzt. — P) B ergänzt. — 9) B ergänzt.