Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

176 Heinrich Lutz Politik einzugehen. Ich gestatte mir weder ein Urteil über den bisher be­folgten Gang, noch eine Vermutung über die weitere Entwicklung, ebensowenig als ich mir in bezug auf den Willen und die Fähigkeit, der unverkennbaren Schwierigkeit Herr zu werden, irgendwie Zweifel erlaube. Dagegen darf ich der inneren Lage wohl einen ernsten Blick zuwenden, umsomehr als deren Beschaffenheit geeignet ist, die äußere Politik vielfach zu erschweren und zwar dadurch, daß infolge der augenblicklich vorwaltenden Unsicherheit und der augenblicklichen Unzufriedenheit aller Parteien und Nationalitäten — ein hoffentlich vorübergehender Zustand, der aber vermöge einer meist unpatrio­tischen Presse einen für das Ansehen der Monarchie nach außen sehr abträg­lichen Ausdruck findet, — es für den Minister des Äußeren fast zur Unmög­lichkeit wird, jenes Vertrauen und jene Achtung bei den fremden Regierungen wachzuhalten, deren er bedarf, um nützliche Verbindungen zu sichern und gefährliche Anschläge zu vereiteln. [7] Liegt es nun nicht in seiner Macht, bei der Bekämpfung jener Übel­stände im Innern mitzuwirken, so stellt sich ihm umso dringender die Auf­gabe, deren verderblicher Rückwirkung nach außen mit fester Hand in den Weg zu treten und den Versuch zu machen, der Verwirrung der Geister, welche zuletzt auch auf dem Felde der auswärtigen Politik sich Bahn zu brechen droht, durch eine kräftige, den wirklichen Bedürfnissen der österreichisch-un­garischen Monarchie entsprechende Initiative Einhalt zu tun. [8] Dem Ringen nach Stetigkeit, nach einer wahrhaft organischen Ent­wicklung, welche sich in unseren inneren Verhältnissen nicht ohne eine ge­wisse Berechtigung, wenn auch leider durch Parteiauffassungen getrübt, viel­fach auf falschen Pfaden geltend macht, kann nach außen hin genügt werden, es muß nach dieser Seite hin ein fester Kristallisationskern sich finden, welcher Vertrauen erweckt und die Gemüter der Patrioten darüber beruhigt, daß — mögen auch innere Wirren die mannigfachsten Hindernisse bereiten — darum doch die Schicksale des Staates in letzter Instanz nach feststehenden Prinzipien und maßgebenden Normen geleitet werden, welche hinreichende Bürgschaften dafür gewähren, daß auch im Innern jene Anschuldigungen eine wahrhafte Berechtigung nie mehr werden erlangen können, die unsere Zustände fort­während mit den schwärzesten Farben zu malen bemüht sind. [9] Sind einmal solchergestalt bestimmte Linien gezogen, bestimmte Wege vorgezeichnet, so wird der Prozeß der innern Entwicklung und Entwirrung einen bei weiten ruhigeren und gefahrloseren Verlauf nehmen und die Re­gierung für ihre Aktion viel mehr Freiheit und Spielraum gewinnen, indem einerseits die Gemüter den täglichen Aufregungen der Presse weniger zugäng­lich sein, und andererseits die gegenwärtig durch absichtliche Übertreibung zu drohenden Gefahren gestempelten auswärtigen Einflüsse ihre nachteiligen Wir­kungen dadurch verlieren werden, daß sie infolge einer durchgreifenden Klä­rung unserer Beziehungen nach außen entweder in wohlwollende sich verwan­deln oder als feindselige offen und rückhaltlos sich werden bekämpfen lassen. [10] Soll aber der Gedanke, den ich mir hiemit Eurer Majestät Auf­merksamkeit zu empfehlen untertänigst erlaubt habe, seine volle, günstige Resultate verheißende Erfüllung finden, so genügt hiezu nicht mehr die Form eines ephemeren Programms. Gerade in dieser Hinsicht ist während der letzten Jahre in Österreich zu viel k Gebrauch gemachtk) worden, als daß dieses Mittel noch von einer einschneidenden Wirksamkeit sein könnte. [11] Meine Absicht geht daher auch viel weiter. Nicht ein solches Pro­gramm als Ausfluß einer momentanen politischen Notwendigkeit, welches nach k_k) B verbessert aus gesündigt.

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