Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

172 Heinrich Lutz einführenden Passagen sind bei näherem Zusehen nicht nur für Beusts aktuelle Stellung und Taktik, sondern auch für die verfassungsrechtlichen Aspekte der Zeit von hohem Interesse. Der Hauptteil (12-—36) beginnt mit einem Rückblick auf die auswärtige Politik der Monarchie 1866 bis 1870 (12—15), der in seiner ex posteriori interpretierenden und die „Katastrophe“ des deutsch-französischen Krieges in ihren negativen Fol­gen für Österreich ungeschminkt darstellenden Weise von eminenter Be­deutung ist. Wenn Beust im Kontext der französisch-österreichischen Status-quo-Politik von den „Salzburger Aufzeichnungen“ spricht, so dürfte damit sein Memoire vom Sommer 1867 gemeint sein, das bekanntlich von Napoleon III. durchgesehen und gebilligt wurde 9). Es ist bemerkenswert, daß hier diese Frühstufe, und nicht die 1868/69 erreichten Textierungen der geheimen Vereinbarungen mit Frankreich dem Kaiser in Erinnerung gebracht werden. Die Anfänge der Annäherung zwischen Wien und Ber­lin werden rekapituliert, die vom Kaiser ausdrücklich genehmigte, rich­tungsweise Depesche Beusts vom 26. Dezember 1870 an den öster­reichischen Gesandten in Berlin, Graf Wimpffen10 *), wird erwähnt und die Begründung nochmals mit Betonung der Gefahr eines von Berlin aus gesteuerten deutschen Irredentismus skizziert (16—18). Es folgen wichtige Erörterungen über die Gegenseitigkeit des Interesses an der Annäherung, über die Problematik der preußisch-russischen Allianz, über die ver­mutlichen Ziele Bismarks gegenüber Rußland und über die zunächst von Berlin, nicht von Wien ausgegangene Initiative n). An die Formulierung des — schon oben zitierten — Kernsatzes des neuen Programms (23, 24) schließt sich bezeichnenderweise sofort ein Rückblick auf die Zeit des Deutschen Bundes und auf die damalige preußisch-österreichische Interessengemeinschaft an (25—27); je ostenta­tiver Beust hier den österreichischen Interessen-Standpunkt betont, desto mehr ist man geneigt, in dieser Anknüpfung an eine für Wien und die preußischen Initiative: „Wir haben unsere Freundschaft nicht angetragen, die Freundschaft ist uns angetragen worden!“ — Ebenda die in Beusts Denk­schrift (S. 175) erwähnten Reden von Ignaz Kuranda (218 ff), Julian Klaczko (399 ff) und Eduard Herbst (228 ff). ») Siehe Hermann O n c k e n Die Rheinpolitik Kaiser Napoleons III. von 1863 bis 1870 und der Ursprung des Krieges von 1870/71 2 (Stuttgart 1926) 457 f. i») Gedr. in Korrespondenzen des k. k. Ministeriums des Äußeren (= das sogenannte „Rotbuch“) Nr. 4 (Wien 1870) Anhang 8 und bei Beust Aus Drei Viertel-Jahrhunderten 2, 440 ff. n) Für Bismarcks Beurteilung der Allianz mit Österreich im Hinblick auf Rußland vgl. Beusts Bericht über die Gasteiner Gespräche mit dem deutschen Kanzler im August 1871 an den Kaiser (Beust Aus Drei Viertel-Jahrhunder­ten 2, 485): „In Berlin will man nicht durch uns in eine feindliche Haltung gegen Rußland gezogen werden, aber man hofft, durch das gute Verhältnis zu uns Rußland gegenüber eine freiere Stellung zu gewinnen.“

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