Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle

Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters 163 liebt und einigen von ihnen kommt wohl kostümkundliche Bedeutung zu50). Szenen des Gesellschafts- und Volkslebens, aber auch des zeit­genössischen Theaters, etwa der Comedia dell’arte, fanden gleichfalls Aufnahme ins Stammbuch; da begegnen uns der pedantische Dottore di Bologna, der ruhmredige Capitano und natürlich auch der dreiste Arlecchino 51). Mehr oder weniger realistischen Charakter besitzen einige Porträtdar­stellungen, sei es der Albenbesitzer selbst, sei es von Freunden oder aber hochgestellten oder sonst als Vorbilder verehrten Persönlichkeiten. Ein im Niederösterreichischen Landesarchiv aufbewahrtes Album des aus der bekannten Nürnberger Patrizierfamilie stammenden Kammerschreibers Hieronymus Cöler, das streng genommen den Kreis unserer Austriaca sprengt, aber doch wegen der Eintragungen vieler Österreicher und wegen des zeitweiligen Aufenthaltes des Besitzers in Wien (1572—1575) Beach­tung verdient, enthält prunkvolle Abbildungen der Kaiser Maximilian II., Rudolf II. und Matthias in vollem Ornat mit den Reichsinsignien 52). Hier 74v, 76v, 83v, 84v, 104v, 123v. Im Stammbuch des Salzburgers Emeram Riz ist fol. 119 eine Federzeichnung des Denkmals des Gattamelata zur Widmung von Rudolf von Greiß zu Wald (1585) eingetragen (vgl. oben Anm. 42). Den Bucintoro enthält auch das Reisealbum der Wiener Christoph und Wolfgang Pirchhaimer von Pirchenau (CVP 9923, 1590—1603 fol. 142v), in das zahlreiche Abbildungen von italienischen Volks-, insbes. Frauentrachten, Soldatenbilder etc. eingeklebt wurden. Bei den Besitzern des Albums handelt es sich um die Söhne des kaiserlichen Rates, Kanzlers des österr. Regiments und Rektors der Universität Wien, Christoph Pirchhaimer. Vgl. Matrikel der Universität Wien IV/1 (Wien 1961) bearb. von Franz Gail, 41 zu 1594 Mai 14: „Vuolfgangus Pirchaimerus Vienn. Austr. magn. dom. rectoris filius“. Die Matrikel der Deut­schen Nation in Siena (1573—1738), hg. u. erläutert von Fritz Weigle (Biblio­thek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 22—23, 1962) 157 n. 3371 zu 1602 Mai 5: „Christophorus Pirchaimer a Pirchenau junior Viennensis“. — Im Stammbuch findet sich fol. 103 eine Eintragung über den Tod Christoph Pirchaimers am 21. September 1603, zweifellos von der Hand Wolfgangs. 50) Man vgl. etwa die Darstellung einer Bäuerin mit Tragstange im Album von Marcus Ertinger aus Villach: Brit. Mus., Egerton-Ms. 1256; ferner die Abbildungen von (Straßburger?) Bürgersfrauen im Album Christoph Grund- ners: Egerton Ms. 1205 fol. 87, 130v, 176, 179. Wichtige Trachtenbilder enthält auch das in der Landesbibliothek Weimar befindliche Album des weitgereisten Hans Christoph Frh. v. Teuffel mit Eintragungen der Jahre 1586—1602. Vgl. Georg von Obernitz Verzeichnis hervorragender Namen etc. in Viertel­jahrsschrift Herold 25 (1901) 335 ff. — Teuffel selbst trug sich übrigens in das Album von Emeram Riz fol. 34 ein (Padua 1585). 51) Stammbuch des Wieners Michael Mailinger (CVP ser. nov. 2608, 1615— 1631) fol. 146v (eingeklebte Deckfarbenmalerei). Vgl. Ute Scherzinger Das Stammbuch des Michael Mailinger (ungedruckte Hausarbeit, Wien 1963) 65 ff. 52) Niederösterreichisches Landesarchiv, Handschrift 84. — Ein anderes sehr bemerkenswertes Album Hieronymus Cölers befindet sich im Britischen Museum, Egerton-Ms. 1184. Zu diesem vgl. Rosenheim Album Amicorum 263 ff; Nickson Early Autograph Albums 14 ff. 11*

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