Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
Sammelreferate 495 von 1911 bis 1914 vor, das sein Buch über den Weltkrieg in die Vergangenheit gegen die Kritik abschirmen soll. Wie in jenem Werk zeigt sich auch in diesem auf nahezu jeder Seite die eigenwillige Haltung des Autors. Vielfach werden bekannte Quellen benützt, die er oft sehr ausgiebig zitiert und neu interpretiert; auf manches kann er sich auch stützen, das erst in letzter Zeit ans Licht gekommen ist, das eine oder andere war bisher völlig unbekannt. Auch in diesem Buch unterlaufen F. viele Flüchtigkeitsfehler, mit den Ergebnissen haben sie jedoch nichts zu tun. Einleitend geht F. von der Spätbismarckzeit aus, die für Deutschland gekennzeichnet ist durch den Wandel vom Agrar- zum Industriestaat. Politisch und sozial herrschen Junkertum und Großindustrie vor, eine Vorherrschaft, die immer mehr von einer Sozialdemokratie bedroht wird, die ihrerseits schwankt zwischen Revolution und Reformismus. Dies führt auf der bürgerlichen Seite zu verschiedenen Reaktionen: zu einer Sammlung auf der Rechten, bei der Linken und den Liberalen zum Versuch, die Sozialdemokraten in den Staat einzubauen. Diese Bündnistaktik wird immer wieder vom Reichskanzler Bethmann Hollweg gepflegt. Dazu kommt, daß der nationale Gedanke von rechts her mit neuem Inhalt erfüllt wird: Rassenideen und Weltmachtsansprüche bilden die ideologischen Hauptmomente, wobei am Beginn des 20. Jahrhunderts die Außenpolitik des Reiches vom wechselnden Gegensatz zu England und Rußland bestimmt wird, eine schwankende Politik, der letzten Endes wirtschaftliche Motive — freilich oft nur schwer durchschaubar — zugrunde liegen. Im Hauptteil geht F. von der Marokkokrise 1911 aus. Dabei kommen der Reichskanzler und auch Wilhelm II. besser weg als in späteren Phasen. Ganz negativ ist das Bild des Kronprinzen, um den sich die reaktionärste Fronde mit wilden innenpolitischen und annexionistischen Zielsetzungen schart. Diese Fronde zieht die Drähte der Reaktion, besonders seit dem sozialistischen Sieg bei den Reichstagswahlen von 1912. Seitdem zeigt sich auf der Rechten eine besonders starke Gegenströmung, die vor allem auch einen innenpolitischen Erfolg durch nationale Ziele, die sich gegen das Ausland richten, erhofft. Die Frage der Rüstung allgemein und besonders der Flottenbau bestimmen das Verhältnis vor allem zu England und führen zum Scheitern der Haldane-Mission. F. zeigt an diesem Beispiel, wie das Machtpotential des Reiches überfordert wird, wenn man Weltpolitik und Kontinentalpolitik treiben will. Wesentlich für die deutsche Expansionspolitik wurde vor allem die Südostrichtung, die Achse Berlin-Bagdad. Hier spielen die Beziehungen zur Habsburgermonarchie eine große Rolle. Aber im Tripoliskrieg und in den Balkankriegen zeigt sich am Beispiel von Italien und Rumänien bereits die Brüchigkeit der deutschen Bündnispolitik. Sie spiegelt sich auch in der vom Hohenzollernreich dominierten Politik in Österreich-Ungarn wieder, z. B. auch bei der Entlassung Conrads 1912. Ende 1912 scheint man in Berlin den Krieg vertagt zu haben. Aber schon 1913 geistert der Gedanke an einen Präventivkrieg in verantwort