Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

THOMAS, Christiane: Neunter Österreichischer Archivtag 1971 in Innsbruck

Österreich 485 In Österreich war es das Institut für Geschichte der Technik in Wien, das ab 1932 ein Merkblatt über das Anlegen von Betriebsarchiven herausgab. Forschungskreise an den Hochschulen von Leipzig, Rostock und Saar­brücken begannen sich zu interessieren. In den Vereinigten Staaten wur­den Wirtschaftsarchive durch Bibliotheken und wissenschaftliche Gesell­schaften erfaßt, die zwar oft als „Pseudoarchive“ abgetan wurden, die aber doch der Theorie der Wirtschaftsarchive und darüber hinaus der all­gemeinen Archivtheorie wesentliche Impulse erteilten. Die Verankerung im Philosophischen geschah durch Arthur Zechel, der, sich mit Brennecke beschäftigend, den Begriff der „Ökotopik“ prägte. War das Kölner Wirtschaftsarchiv als Auffangstelle für gefährdete Archivalien gedacht, so repräsentierte sich als zweiter Archivtyp schon 1875 das Werks- oder Firmenarchiv mit der von Krupp gegründeten Zen­tralregistratur — eine Schöpfung, die vom Historismus dieser Zeit („es soll Geschichte geschrieben werden“) beeinflußt war. Eine dritte Spielart bezieht die Ingerenz des Staates ein, wie es z. B. in Frankreich seit 1958, dem Zeitpunkt der Verstaatlichung der Eisenbahnen, oder — nach dem Diskussionsbeitrag des dänischen Reichsarchivars Dr. Harald Jorgensen (Kopenhagen) — Dänemark mit dem dänischen Wirt­schaftsarchiv als einem Staatsarchiv praktiziert wird, wie es aber auch die DDR seit 1950 mit der Verpflichtung zur Installierung eines Betriebsarchivs für jeden größeren verstaatlichten Betrieb kennt. In ihrem Kern sind die meisten Wirtschaftsarchive als Privatarchive anzusehen, da sie mit Familienarchiven in Verbindung zu bringen sind. Trotzdem läßt sich das österreichische Denkmalschutzgesetz, das für Pri­vat- und Familienarchive Gültigkeit besitzt, schwer auf Wirtschaftsarchive anwenden. Bei Übernahme solcher Archivalien durch ein öffentliches Archiv fürchten ihre Besitzer, deren Wünsche auf Benützungsbeschrän­kung wie bei einem Privatarchiv zu berücksichtigen sind, durch fremde Einsichtnahme die Publizierung ihrer Geschäftsgeheimnisse: So könnten durchaus Produktionsziffern früherer Jahre als Vergleich für die heutige Leistung herangezogen werden. Die Institution eines Wirtschaftsarchivs bedingt eine Ausweitung des Begriffes Archivgut, die wiederum für die Andersartigkeit der Aufgaben des Wirtschaftsarchivars gegenüber dem staatlichen Archivar verant­wortlich ist. Der Funktion eines Sammlers und Verwahrers für die Zwecke der Dokumentation, Information, der Beweisführung und der Sicherstel­lung für die Historie hat die Ausbildung gerecht zu werden. In Marburg ist es gelungen — und ähnlich in Duisburg auf dem Sektor der Kommu­nalarchive — dem Kursprogramm kürzere und längere Lehrgänge für diesen Spezialtyp des Archivars einzugliedern. In Österreich könnten — entsprechend der Forderung Fridolin Solleders, volkswirtschaftlich aus­gebildete Berufsarchivare dem Volkswirt gegenüberzustellen — die Hoch­schule für Welthandel in Wien und die Linzer Hochschule namhaft ge­macht werden. Als typischer Wirtschaftsarchivar kristallisiert sich aller­dings der „B-Mann“, d. h. der Beamte mit Maturantenniveau, heraus. Die vier Tätigkeitswörter, die unter dem Titel der „vier großen E“ bei der Linzer Tagung von 1961 bei einem Referat über den Aufbau des

Next

/
Thumbnails
Contents