Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver
Das Credo der Wissenschaft 477 bestehen und er hat nur Aussicht, diesen Kampf auch noch in ferner Zeit, wenn die Bedingungen für seine Existenz ungünstiger sein werden, siegreich zu bestehen, wenn er eine möglichst eingehende Kenntnis der Natur erworben hat. Diese Aufgaben der Wissenschaft sind ungeheuer groß, und es ist unrecht, von ihr mehr zu verlangen, als sie ihrem Wesen nach leisten kann. Andererseits hat die Religion die Aufgabe, den Menschen in solchen Fragen zu beraten, die jenseits aller Wissenschaft liegen .. Nach Wien ist es unrichtig zu glauben, daß die Wissenschaft das Dasein Gottes leugne: „Gerade der strengste Standpunkt der wissenschaftlichen Kausalität verlangt, daß sich alles in der Natur nach bestimmten Gesetzen unabänderlich vollziehe, sodaß man ebenso sagen kann, daß Gott alles genau vorherbestimmt habe. Mit dieser starren Forderung der Religion oder der Wissenschaft kann der handelnde Mensch aber nichts anfangen, weil die Willensfreiheit ausgeschaltet wird.“ Sowohl den wissenschaftlichen als auch den religiösen Fatalismus zurückweisend, empfahl Wien die Aufrechterhaltung eines gesunden Gleichgewichtes zwischen den metaphysischen Bedürfnissen der Menschenseele und ihrem Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis 32). Der moralische Wert des Glaubens an die Teilnahme einer übernatürlichen Macht an unserem Handeln wurde im Schreiben des Wiener Nobelpreisträgers Julius Wagner-Jauregg hervorgehoben. Er bejahte Schayers Frage, ob es eine die Welt regulierende furchtbare Kraft gäbe, es schien ihm aber zweifelhaft, ob eine Macht existiere, die auch einen direkten Einfluß auf unsere individuelle Handlungen ausübt: „Ich fürchte, es liegt solchen Gedanken eine Ueberschätzung unserer individuellen Existenz zu Grunde“ 33). Auch der schottische Physiologe J. J. R. Macleod war der Ansicht, daß es in der Naturwissenschaft „nichts gäbe, was mit der Idee in Widerspruch stünde, daß die Natur von einer höheren Macht gelenkt würde“ 34 35). Sein deutscher Kollege, Otto Meyerhof, stimmte ihm bei und gab seiner Überzeugung Ausdruck, „daß eine richtig verstandene Naturwissenschaft und eine wahre Religion niemals in Konflikt geraten können, indem die erstere, die in Raum und Zeit ausgedehnte und unseren Sinnen zugängliche Erscheinungsform der Welt mit den Mitteln des Verstandes erforscht, der religiöse Glaube das unseren Sinnen und unserem Verstand verborgene Wesen der Welt auf irrationalem Wege erfaßt“ 35). Es ist bemerkenswert, daß Meyerhof sein Einverständnis für eine Publikation seiner Meinungsäußerung zu erteilen bereit war, jedoch nur unter der Bedingung, „daß es sich nur um ernsthafte Aeußerungen angesehener Gelehrter dabei handelt, deren Gesellschaft ich mich nicht zu schämen brauchte“; er wünschte aber nicht, seine Ansicht zusammen 32) 1927 März 30, Orig, deutsch. 33) 1928 Februar 4, Orig, deutsch, a«) 1927 Mai 2. 35) 1927 März 31, Orig, deutsch.