Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz
446 Georg E. Schmid gegenübersahen: gegensätzliche Berichte wie diese waren nämlich durchaus kein Einzelfall, sondern häuften sich45 46). Der erste Teil der Studienkommission Coolidges traf am 5. Jänner 1919 in Wien ein 4e), von Bern aus wurde Wien davon in Kenntnis gesetzt, daß der zweite Teil der „amerikanischen Politischen Kommission“ demnächst von Feldkirch abfahren würde; die Ankunft desselben erfolgte dann am 10. Jänner47). Das Zusammenspiel der Gesandtschaft in Bern, der Polizeidirektion in Wien und dem Staatsamt des Äußeren funktionierte ausgezeichnet, man war über die Bewegungen der Mission stets gut unterrichtet. Erstaunlich ist aber, wie rasch sich die Nachricht vom Eintreffen, ja von der bloßen Existenz einer Mission nach Kärnten und in die Steiermark verbreitet hatte: Schon am 8. Jänner 1919 hatte Graz Wien wissen lassen, daß der steiermärkische Landesrat den Beschluß gefaßt hätte, die Kommission zu bitten, die strittigen Grenzgebiete zwischen Deutschösterreich und dem südslawischen Staat zu bereisen. Gleichzeitig ersuchte man Wien, weitere Schritte einzuleiten und die Ankunft der Kommission mitzuteilen48). Ähnlich — wenngleich das Telegramm in einem rauheren Ton gehalten war — verfuhr Klagenfurt, indem die dringendste Einladung der Landesregierung übermittelt wurde, daß sich die Studienkommission ehestens nach Kärnten begeben sollte49 50). Die Kommunikation zwischen der Wiener Regierung und den Landeshauptstädten scheint also funktioniert zu haben, was im Zusammenhang damit von Interesse ist, daß Deutschösterreich a priori ohnehin schon in einer etwas besseren Position war als die anderen Nachfolgestaaten, weil Coolidge seinen Sitz in Wien aufgeschlagen hatte. Obgleich es unmöglich sein dürfte, Beweise dafür beizubringen, darf man daraus doch ableiten, daß Coolidge hiedurch ohne Wollen und Zutun unvermeidlich eher durch die Brillen Wiens als durch die Prags, Budapests etc. gesehen hat. Die Etablierung der Mission erfolgte rasch und reibungslos. Man war im Hotel Bristol abgestiegen60), da man den Einzug in die US-Botschaft vermied, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Mission habe diplomatischen Charakter und gewisse, wenn auch geringfügige Entscheidungsund Vermittlungsbefugnisse. Coolidge strebte aber doch die Verwendung 45) Die Ausführungen Gibsons ebenda 231. Vgl. auch Professor ... Coolidge to the Commission ..., Wien, 1919 Jänner 10: ebenda 2, 229. 46) Bericht der Polizeidirektion Wien an das Staatsamt des Äußeren, 1919 Jänner 6: HHStA NP A 365. 47) Bericht der Polizeidirektion, 1919 Jänner 11: ebenda. 48) Das Präsidium der steiermärkischen Landesregierung an das Staatsamt des Äußeren, Graz, 1919 Jänner 8: ebenda. 49) Telegramm der Landesregierung in Klagenfurt an das Staatsamt des Äußeren, Klagenfurt, 1919 Jänner 10: ebenda. 50) Coolidge Life and Letters 197. Vgl. auch die oben erwähnten Berichte der Polizeidirektion, Anm. 46 und 47.