Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
THOMAS, Christiane: Kampf um die Weidenburg. Habsburg, Cilli und Görz 1440–1445
Kampf um die Weidenburg des „Helden“. Es ist kaum eine negativere Schilderung möglich. Die Worte Aeneas’ sind vernichtend, verachtungsvoll, kaum eine positive Äußerung wird ausgesprochen. Danach ist die hervorstechendste Eigenschaft des Grafen sein Hang zum Trinken, ja Aeneas legt durch die wiederholten Erwähnungen dieser Angewohnheit den Gedanken an Trunksucht nahe. Zur Illustrierung scheut er sich nicht, die niedrigsten Ausdrücke zu gebrauchen, ganz als beabsichtige er, den Leser vor diesem Trunkenbold erschauern zu lassen. Im Status Europae begnügt er sich mit der Bemerkung, daß Heinrich seine kleinen Söhne mitten in der Nacht aufweckte, um sie zum Trinken zu zwingen, und sie schalt, daß sie ohne Durstgefühl schliefen 35). Deutlicher ist er im Commentarius, wo dieser Vorwurf zu einer Anekdote ausgebaut wird. Wer ist nicht gerührt, wenn zwei Kinder aus dem Schlaf gerissen werden, auf die Frage des Vaters, ob sie nicht durstig seien, nichts antworten, „nam altus somnus eos oppresserat“, und den aufgedrängten Wein ausspucken? Wer ist nicht über den Rohling empört, der sich daraufhin mit derben Beschimpfungen an seine Gattin wendet, um ihr an den Kopf zu schleudern, Kinder, die die ganze Nacht ohne Durstgefühl verbrächten, seien nicht die seinen? Unbeherrscht dringt er selbst bei Abwesenheit seines Kellermeisters in den Weinkeller ein, um seinen Durst zu stillen, und schneidet die Bedenken seines Milchbruders mit der lapidaren Feststellung ab: „Tace ... me sitis, non te cruciat“ 35 36). Nach dieser Kritik der Charaktereigenschaften wird auch das Äußere beanstandet: Er trägt billige, beschmierte Kleidung und zeigt sich mit offenem Hemd und tränenden Augen. Auch dies wird mit einer Episode näher beleuchtet: Friedrich IV. selbst ruft Aeneas ans Fenster, um den herannahenden Grafen zu betrachten, der mit beißendem Spott als „mundus“ und „pulcher“ apostrophiert wird. Heinrichs Benehmen ist eines Fürsten nicht würdig: Er verkehrt mehr mit der niederen Bevölkerung als mit seinen „nobiles“ und speist nicht an der Hoftafel, sondern verschlingt sein Essen bei seinem Koch in der Küche. Ebenso verwerflich ist, daß er als „senex super glacie cum pueris lusit“37 *). Als einziges Positivum wird der Abschnitt des Commentarius mit „Henricus Goritiae comes charus militibus et optimatibus fuit“ eingeleitet — eine vor allem dann wohl recht farblose Behauptung, wenn derart grauenhafte Anschuldigungen folgen. Vor unseren Augen entsteht das Abbild eines wüsten, hemmungslosen alten Trunkenboldes, der ohne jede Rücksicht seine Frau beleidigt und der Höhe seines Ranges nicht gerecht wird: Heinrich ist ein verabscheuungswürdiges Individuum. Eine so konsequente Verurteilung — Beurteilung trifft hier nicht mehr zu — stimmt bedenklich. Die Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts stießen sich nicht an der allzu großen Häufung von Entsetzen erregenden Eigenschaften. Coronini übernimmt kommentarlos das Zitat des Status Europae33). Völlig kritiklos schwelgt das 19. Jahrhundert geradezu im Ausmalen der Charakterzüge eines verwerflichen Menschen, wie um in sittlicher Entrüstung vor einer 35) Aeneas In Europam 262. 36) Aeneas Commentarius 10, 24. 37) Aeneas In Europam 262. 3S) Rudolf Coronini Tentamen genealogico-chronologicum promovendae seriei comitum et rerum Goritiae (Viennae 1772) 407.