Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

Rezensionen 425 Fritz Judtmann, Mayerling ohne Mythos. Ein Tatsachenbericht. Verlag Kremayr und Scheriau, Wien 1968. 430 S., illustr. Clemens Loehr, Mayerling. Eine wahre Legende. Amalthea-Verlag, Wien— München—Zürich 1968. 308 S., illustr. Das aufsehenerregende Ende des einzigen Sohnes Kaiser Franz Jo­sefs 1889 im Jagdschloß von Mayerling hat nicht nur wegen der tölpel­haften Vertuschungsversuche der Hof- und Polizeibehörden bis heute immer wieder die Phantasie der Publizistik beschäftigt. Obwohl die Tat­sache des Mordes und Selbstmordes im wesentlichen bald als unbestritten gelten konnte — zumindest bei der ernsthaften historischen Forschung —, gab und gibt es viele Umstände, die bis heute der Klärung harren. Dies hat dazu geführt, daß sich seit acht Jahrzehnten eine wahre Flut von Literatur zu diesem Thema angesammelt hat, praktisch unüberschau­bar und meist von geringerem Wert, wenn nicht überhaupt irreführend. Leider finden sich darin immer wieder einzelne Nachrichten und auch nur Gesichtspunkte, die unter Umständen weiterführen könnten, sodaß sich die Forschung damit auseinandersetzen muß. Einsam ragte bisher die gründ­liche Biographie des Kronprinzen Rudolf von Oskar Mitis hervor, die sich vor allem auf eine gesunde und breite Basis authentischer und einwand­freier Quellen kritisch stützen konnte. Dies hat aber nicht verhindern können, daß weiterhin unberufene Phantasten sich immer wieder am Thema Mayerling versuchen wollten. Gerade in letzter Zeit wurde diese Frage neuerlich der Tummelplatz für Scharlatane, ja regelrechte Fälscher, die oft mit recht handfesten materiel­len Interessen hart am Rande der Kriminalität ihr Unwesen treiben. Von der großen Masse der Mayerling-Literatur heben sich die beiden vorliegenden Werke, die im selben Jahr erschienen sind, insofern wohl­tuend ab, als es sich, um dieses Urteil gleich vorwegzunehmen, um seriöse Produktionen handelt. Dem Buch von Loehr kommt vor allem das Verdienst zu, daß ihm eine Zusammenfassung der wesentlichen Literatur und Nachrichten in einer Vollständigkeit gelungen ist, wie wir sie seit Bibi, das heißt seit einem Menschenalter nicht mehr kennen. Der Vf. setzt sich dabei sehr kritisch und vorsichtig mit dem aufbereiteten Material auseinander, immer wieder alle bekannten und gesicherten Momente abwägend. Dabei werden viele Teilprobleme neu beleuchtet, Widersprüche im vor­liegenden Quellenmaterial hervorgehoben, neue Details zutage gefördert, aber auch bereits Bekanntes genauer klassifiziert. Tm Quellenanhang wer­den Dokumente wiedergegeben, die bisher nur zum Teil oder gar nicht in ihrem Wortlaut bekannt waren. So vorsichtig der Vf. in seinem Urteil ist und sich im allgemeinen im Sinn der bisher herrschenden Anschauun­gen bewegt, läßt er doch da und dort Zweifel erkennen. Dem Historiker, dem die Erkenntnis höher steht als die Sensation, wird besonders L.s abschließende Reflexion über das Symbolhafte von Rudolfs Ende gefal­len. Zieht dieses Buch mehr eine solide Bilanz über Bekanntes, so bedeutet das Werk von Judtmann den ersten größeren Schritt seit Mitis vor­

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