Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik

182 Paul Meditier lichen Verhältnisse denkbar schlecht waren. Dalmatien, das nach der Dezemberverfassung zur österreichischen Reichshälfte zählte, befand sich damals noch außerhalb des Zollverbandes. Der recht bescheidene Handel betrug im Jahre 1866 in der Einfuhr 7,816.242 fl. und in der Ausfuhr bloß 5,898.080 fl. In politischer Hinsicht besaßen die Italiener trotz ihres Antei­les von kaum 12% an der Bevölkerung dank des Wahlsystems bis zum Jahre 1870 noch eine Mehrheit im Landtag. Neben französischen und sogar dänischen Spekulanten traten — ana­log wie in anderen Teilen der Monarchie — vor allem englische Interes­senten in Erscheinung. Das auch im diplomatischen Dienst tätige Mit­glied des englischen Unterhauses Ralph Earle erhielt die Bewilligung zu technischen Vorarbeiten für eine Linie von Spalato über Knin nach Novi und weiter nach Sissek und Bares 6). In seiner Eingabe ver­suchte er den Nachweis zu führen, daß eine Längsbahn durch Dalmatien immer unrentabel sein würde. Dalmatien bezog damals sehr viel Getreide aus Italien, und es war naheliegend, daß man den Überschuß agrarischer Produkte aus Südungarn durch neue Verkehrswege nach Dalmatien leiten wollte. Die Vorarbeiten von Earle erhielten die Unterstützung aller offi­ziellen Stellen. Noch im Jahre 1873 beriefen sich die Engländer Charles Fox und James Brunlex auf seine Studien. Vertrauliche Erhebungen des Generalkonsulates in London ergaben jedoch, daß sich diese beiden „Unternehmer“ bereits im Stadium des Konkurses befanden7). Auch führende österreichische Bauunternehmer bewarben sich um die Ausfüh­rung von Eisenbahnlinien in Dalmatien 8). Alle diese Vorstudien für Fern­verkehrslinien wurden durch den Umstand erschwert, daß die Zustimmung des neugeschaffenen Budapester Handelsministeriums bzw. der türkischen Regierung erforderlich war. Bemerkenswerterweise konnte damals noch das österreichische Handelsministerium die Bewilligung für Vorarbeiten auch auf dem Gebiet der in Auflösung befindlichen Militärgrenze mit genereller Zustimmung des Reichskriegsministeriums erteilen 9). Die end­gültige Liquidierung der Militärgrenze wirkte sich zweifellos ungünstig auf die Lösung der Eisenbahnfrage in Dalmatien aus. Die privaten Bestre­bungen für einen Eisenbahnbau in Dalmatien brauchen wohl nicht weiter verfolgt werden, da diese kein greifbares Resultat zeitigten. Auch die staatlichen Projektierungsarbeiten der Generalinspektion zogen sich in die Länge. Abgesehen von rein technischen Fragen (Überschreitung der 6) VA HM ZI. 17288/1868. Arthur J. May Trans-Balcan Railway Schemes in The Journal of Modern History 24 (1952) 352—353. 7) VA HM Pr. ZI. 1074/1873. 8) Vor allem die Gebrüder Klein und die Gebrüder Pongratz: Ignaz Kohn Eisenbahn-Jahrbuch der Österr.-Ungar. Monarchie 8 (Wien 1875) 473—481; Geschichte der Eisenbahnen der Österr.-Ungar. Monarchie, hg. v. österr. Eisen­bahnbeamtenverein l/II (Wien—Teschen—Leipzig 1898) 198—204. «) VA HM ZI. 6729/C1/1870.

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