Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

ZAUNER, Alois: Die Pfarrarchive Oberösterreichs

Rezensionen 485 kenntnisse, er beherrscht fast alle Idiome der im habsburgischen Viel­völkerreich zusammengeschlossen gewesenen Nationen, gleichsam präde­stiniert, seinen Beitrag zum Verständnis dieses Phänomens, nämlich der Auflösung der jahrhundertealten habsburgischen Monarchie, zu leisten. Die Kenntnis der umfangreichen und vielsprachigen Literatur zu diesem Thema dokumentieren die jedem einzelnen Kapitel beigefügten sehr sorg­fältig gearbeiteten „Note“. Die benützten Quellen und die angezogene Li­teratur lassen kaum einen Wunsch offen, aber auch die Darstellung besticht durch ihre Ausgewogenheit im Urteil und die Unvoreingenommen­heit gegenüber den manigfachen Problemen, denen sich die österreichisch­ungarische Monarchie in den letzten Jahren ihres Bestehens gegenübersah. Das Kernproblem für die Donaumonarchie war, und damit beginnt L. Valiani auch seine Darstellung — I. Kap.: I movimenti nazionali centri- fughi dal 1905 al 1914 (S. 9—97) —, die Nationalitätenfrage und die von ihr ausgelösten zentrifugalen Kräfte in den einzelnen nationalen Bewe­gungen, doch stand in den letzten Vorkriegsjahren noch keinesfalls die Auflösung der Monarchie zur Debatte, sondern ihre föderalistische und autonomistische Umformung in einen trialistischen oder mehrfachen Staa­tenbund. Die Ermordung des Erzherzogs Thronfolger in Sarajewo zer­störte dann abrupt alle Reformpläne, und der Beginn des ersten Welt­krieges schuf eine völlig veränderte Lage und eröffnete auch für die Füh­rer der einzelnen nationalen Gruppen neue Perspektiven. Die Regierung hoffte, daß ein siegreich beendeter Krieg die angeschlagene Machtstellung der Monarchie wiederherstellen und die Nationalitätenfrage einer mögli­chen Lösung zuführen würde; während des Krieges sollten die nationalen Streitigkeiten eingefroren werden. Eine entscheidende Voraussetzung für eine siegreiche Beendigung des Krieges aber war die Haltung Italiens, des dritten im Bunde. L. Valiani gibt im zweiten Kapitel — „Le trattative con l’Italia“ — (S. 97—138) eine komprimierte, aber sehr eindrucksvolle Schilderung der komplizierten und von starken Ressentiments getragenen diplomatischen Verhandlungen, die dem Kriegseintritt Italiens vorausgin­gen. Das Ausscheren Italiens aus dem Dreibund und sein Kriegseintritt auf der Seite der Ententemächte, als der große Verrat in das Bewußtsein der deutschen Leser von der deutschen Kriegsliteratur eingehämmert, wird in dieser sachlich fundierten und von allen Seiten her durchleuchteten Darstellung auf seine objektiven Gegebenheiten zurückgeführt. Italien war 1914 auf keinen Fall zu einem kriegerischen Eingreifen gegen die West­mächte bereit. Die Wahl, vor der die Verantwortlichen für die italienische Politik standen, konnte nur lauten: absolute Neutralität oder Krieg gegen Österreich-Ungarn. Eine andere Alternative war nicht gegeben, und daß die Neutralität nicht ohne Gegenleistungen zu haben sein werde, wußte man in Wien und Berlin seit langem. Die Zugeständnisse betrafen kurz ge­sagt das Trentino, Görz und Triest und Gebiete von Istrien, d. h. alle von Italienern bewohnten Gebiete der Monarchie. Da man in Wien eine Ent­scheidung über die endgültige Zusage immer wieder hinauszögerte, sie nur für das Kriegsende in Aussicht stellte und mit dem Hintergedanken spielte, nach dem siegreich beendeten Krieg von diesen Zusagen ja even­tuell wieder Abstriche machen zu können, begann Rom Verhandlungen

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