Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

VAGO, Bela: Österreichische konsularische Interventionen in der Walachei und der Moldau gegen antijüdische Ausschreitungen (1801–1803)

448 B. Vago das an einem einzigen Tage nahezu 130 Tote und Verwundete an Opfern forderte4). Am 8. April verbreitete sich das Gerücht, daß bei einem galizischen Bäcker ein alter christlicher Arbeiter tot aufgefunden wurde. Da sich die­ser Todesfall vor den Osterfeiertagen ereignet hatte, lag die Anklage eines Ritualmordes auf der Hand. Die aufgeregte Masse überrannte die jüdischen Wohnungen und den Ausschreitungen folgte die Plünderung. In den Abendstunden gelang es dem Fürsten und einigen hohen Beamten, die persönlich an Ort und Stelle erschienen, den Pöbel zu bändigen5). Daraufhin wurde durch den Fürsten eine Komission zur Untersuchung der Vorfälle ernannt. Ein Teil der Schuldigen wurde bestraft, und einigen der Opfer wurde — angeblich — eine Entschädigung zuteil. Die Reaktion des Fürsten Moruzi könnte durch einige österreichische konsularische Meldungen erläutert werden. Das Pogrom gab Merkelius und seinem Personal Anlaß zur Inter­vention bei dem Fürsten zu Gunsten der betroffenen Juden. Schon in den ersten Stunden des Pogroms verfaßte Merkelius einen Bericht für den Grafen Cobenzl6). Die Dringlichkeit wurde damit motiviert, daß der des Ritualmordes verdächtigte Jude (Seilig oder Selig), in dessen Haus der Todesfall geschah, wie auch der zweite Ver­dächtige (Janckul oder Joseph), dem Selig wahrscheinlich in seiner Woh­nung Unterkunft gegeben hatte, österreichische Untertanen waren 7 8). Merkelius meldete über einen „Aufstand“ und einen „allgemeinen Alarm“, der noch dadurch verschärft wurde, daß die „Arnauten“, die hauptsächlich von Albaniern rekrutierte, bewaffnete Wache, sich dem plündernden Pöbel anschlossen. Merkelius wurde schon in den ersten Stunden über die Unruhen verständigt und darüber, daß die zwei des Ritualmordes Beschuldigten, wie auch ein Teil der Angegriffenen, kaiserliche Untertanen waren. Als der Konsul um dringende Intervention gebeten wurde, reagierte er positiv, sandte eine Bittschrift an den Fürsten und bat um seine Hilfe, nicht nur für die österreichischen Untertanen, sondern auch für die Einstellung des Pogroms 8). Nachdem zwei konsularische Beamte beim Fürsten vorsprachen, und mit einigen Würdenträgern Kontakt aufnahmen, erschien der Fürst 4) Über das Pogrom siehe N. Iorga, Studii si Documente, Bd. XII, Bucuresti 1901—16, S. 139—40. — Erinnerungen und Einzelheiten in „Hajoetz“ Bukarest 1884, No. 604 und „Fraternitatea“, Bukarest 1884, p. 175. — Cf. „Anuarul pentru Israeliti“, Bukarest 1887, S. 29 und 67. — Wissenschaftlicher Anspruch und kritische Bemerkungen bei M. A. Halevy, Comunitatile evreiesti din Iasi si din Bucuresti, pana la Zavera (1821), In: „Sinai“, Bucuresti 1931, Bd. III. 5) Iorga, op. cit., S. 139—140. «) Haus-, Hof- und Staats-Archiv, Wien, St. K. Moldau-Walachei, I. K. 16, Merkelius an Cobenzl, den 8. April 1801 (No. 22.) 7) HHSA, ibidem (Merkelius an das Stadt- und Grenzkommando zu Kron­stadt, den 22. Mai 1801). 8) HHSA, ibidem, No. 22. (Bukarest, den 8. April 1801).

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