Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

228 Horst Brettner-Messler Ordnung, Redl eine geladene Pistole auf den Tisch zu legen, erwies sich als nicht glücklich, da dadurch eine rasche und vollständige Aufklärung des Falles sehr erschwert wurde. Begreiflicherweise war man angesichts der gegenwärtig äußerst angespannten Lage am Ballhausplatz sehr beunruhigt, da ein Verrat militärisch wichtigen Materials schwerwiegende Auswir­kungen auf die Außenpolitik der Monarchie zeigen mußte. Berehtold rich­tete daher eine Anfrage nach dem Ausmaß des Verrates an Conrad. Dieser antwortete beruhigend; Redl habe zu keinen kriegsentscheidenden Doku­menten Zugang gehabt5e). Auch in Deutschland erregte der Fall großes Aufsehen, da durch einen Verrat des österreichisch-ungarischen Aufmarsch­planes der Wert der Monarchie als Bundesgenosse vermindert worden wäre. Tsehirschky ersuchte deshalb Conrad ebenfalls um genaue Auskunft. „Wenn mir auch General von Conrad versicherte“, berichtete er an Jagow, „daß die Zeitungsmeldungen übertrieben und jedenfalls keine Nachrichten über den Aufmarsch der Armee verraten seien, so fand ich ihn doch tief deprimiert. Ich möchte aber bemerken, daß ich es für falsch halten würde, von diesem Falle auf eine allgemeine Fäulnis der hiesigen Armee zu schließen. Ich halte sie für durchaus gesund; sie ist wohl leider zurzeit das einzige noch gesunde Glied an dem Körper der Monarchie!“ * 57) Aus dem Werk Ronges geht jedoch deutlich hervor, daß Redl Rußland tat­sächlich den österreichisch-ungarischen Aufmarschplan in die Hände spielte 58). Es wäre nun voreilig zu behaupten, der Chef des Generalstabes habe Berehtold und Tsehirschky absichtlich falsch unterrichtet, da es nicht eindeutig feststeht, zu welchem Zeitpunkt er selbst vom Verrat des Aufmarschplanes erfuhr. Da die Bemühungen die rumänisch-bulgarischen Differenzen beizu­legen keinen Fortschritt erkennen ließen, entschloß sich Berehtold den Gesandten in Bukarest Prinz Fürstenberg anzuweisen, bei König Carol den Standpunkt der Monarchie darzulegen. Der Gesandte erklärte daher, daß die Annäherung Bukarests an Serbien und Griechenland in schroffem Gegensatz zur österreichisch-ungarischen Außenpolitik stehe und riet dem König, sich um eine Verständigung mit Sofia zu bemühen. Fürsten­bergs Vorstellungen zeigten jedoch keinerlei Erfolg, da Rumänien die prekäre Lage Bulgariens deutlich erkannte und als Gegenleistung für seine Neutralität weitere territorialen Zugeständnisse des Nachbarn zu erzwin­gen suchte. „Wollen die Bulgaren — und mit ihnen wir — seitens Rumänien nicht eine serbophile Extratour gefährlichster Art erleben, müssen sie 5e) K. A.: C.-A. Fasz B 3. (Brief Conrads an Berehtold vom 31. V. 1913). Auf der Rückseite des Briefes ist Conrads Antwort an Berehtold konzipiert. Siehe auch Regele: Feldmarschall Conrad S. 219 ff. 57) G. P. XXXV: Nr. 13.370. Vielleicht liegt in Conrads Bemühungen Deutsch­land von der Stärke der österreichisch-ungarischen Armee zu überzeugen der Grund, daß er auch später den Verrat Redls verschwieg. 58) Ronge: S. 77 ff.

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