Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 19. (1966)

SPRUNCK, Alphonse: Francisco Bernardo de Quiros, ein spanischer Diplomat im Dienste des Hauses Österreich während des spanischen Erbfolgekrieges

Francisco Bernardo de Quiros, ein spanischer Diplomat 115 Achtes Kapitel. Die politischen Ansichten von Quiros. Seine Bedeutung für das Haus Öster­reich während des spanischen Erbfolgekrieges. Vor der Schlacht bei Montiéi, zwischen Heinrich II. von Kastilien und seinem Bruder Pedro hatte im Jahre 1369 Gonzalo Bernardo de Quiros erklärt: „Ni quito Rey, ni pongo Rey; pero ayudo a mi Senor.“ Am Anfang des 18. Jahrhunderts hätte sein Nachkomme Francisco von sich dasselbe sagen können. Eine entscheidende Rolle in der Frage der Nachfolge der spanischen Habsburger konnte er nicht spielen. Diese Frage war schon zu Lebzeiten König Philipps IV. sehr eifrig diskutiert worden. In seinem Testament hatte dieser seine Tochter Maria Theresia, die Ge­mahlin Ludwigs XIV., formell von allen Rechten auf seinen Thron aus­geschlossen. Am 11. Juni 1699 und am 3. und 25. März 1700 hatten Frankreich, England und Holland unter sich geheime Verträge über die Teilung der spanischen Monarchie geschlossen. Graf Harcourt, der Gesandte Ludwigs XIV. in Madrid, hatte dem Versailler Hof ganz dringend ge­raten, diese Abmachung streng geheim zu halten. Nach den Angaben des spanischen Historikers Pedro Aguardo Bleye hatte Quiros als Vertreter Spaniens im Haag vom zweiten dieser Geheimverträge erfahren und so­fort Meldung nach Madrid gesandt *). Natürlich hatte der spanische Staatsrat über diese willkürlichen Ent­scheidungen fremder Mächte, die eine Zerschlagung der Monarchie Karls II. bedeutet hätten, große Entrüstung gezeigt. Die Gesandten in Paris, Lon­don und im Haag sollten scharfen Protest dagegen erheben. Dem Kaiser Leopold hatten die drei Verbündeten eine Frist von drei Monaten gelassen, um ihre Verträge unter sich anzunehmen, oder zu verwerfen; der spanische Gesandte in Wien sollte dessen Ansichten darüber zu er­fahren suchen2). Der schwache König Karl II., den die Intrigen seiner Umgebung in furchtbare Gewissensängste getrieben hatten, Unterzeichnete am 2. Oktober 1700 sein Testament. Für viele Spanier war die Einsetzung Philipps von Anjou zum alleinigen Erben der gesamten Besitzungen des letzten Habs­burgers in Madrid nur das Ergebnis diplomatischer Ränke, in denen die Diplomaten Ludwigs XIV. und dessen Parteigänger am Hofe das letzte Wort behalten hatten; diese Ansicht wurde selbstverständlich auch in Wien geteilt. Maßgebend für die Gegner des Bourbonen war das Testa­ment, das Philipp IV. freiwillig unterzeichnet hatte in einer Zeit, als die Frage der Nachfolge der Habsburger in Spanien noch nicht dringend war und dieser Monarch in der Lage war, sie ohne jede Rücksicht auf andere Mächte und ausschließlich im Interesse seines Landes zu regeln. Das Testament war abgefaßt im Sinne einer engen Verbindung der Wiener und der zukünftigen Madrider Linie dieser Dynastie. 8*

Next

/
Thumbnails
Contents