Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

KUN, Jószef: Das ungarische Kriegsarchiv

Ungarn 673 zu suchen ist. Es wurde vor kaum viereinhalb Jahrzehnten gegründet, um die schriftlichen Dokumente der ungarischen Kriegsgeschichte zu sammeln. Anlaß zur Gründung boten nicht Jahrhunderte zurückliegende geschicht­liche Ereignisse, sondern der erste Weltkrieg. Die Dokumente der früheren Kriegsgeschichte des ungarischen Volkes sind im ungarischen Landesarchiv, die aus den späteren Jahrhunderten und aus der Zeit der Österreichisch- Ungarischen Monarchie stammenden militärischen Schriften dagegen im Wiener Kriegsarchiv auf bewahrt. So wurde das Wiener Kriegsarchiv zu einer Fundgrube für die ungarischen Forscher und Historiker. Auch zur Zeit des ersten Weltkrieges war die kaiserliche und königliche Anordnung in Geltung, der zufolge sowohl die k. u. k. Armee, wie die Ein­heiten der Honvédarmee ihre Operationsdokumente ins Wiener Kriegs­archiv zu senden hatten. Nur im Jahre 1915 verordnete der Kriegsminister, daß die Honvédarmee und die Einheiten des ungarischen königlichen Land­sturms ihre Schriften direkt an das ungarische Landesverteidigungsmini­sterium senden sollten. Hier wurden die Schriften abgeschrieben und die Originale an das Kriegsarchiv weitergegeben. Diese Arbeit wurde von der Abteilung 1/a des Ministeriums für Landesverteidigung durchgeführt, wes­halb diese Abteilung als Vorgänger des ungarischen Kriegsarchivs ange­sehen werden kann. Die Abteilung 1/a gliederte sich in mehrere Unterab­teilungen, wie z. B. in die archivalische, statistische und für die Kriegs­gefangenenfrage aufgestellte Unterabteilung, an die sich im Jahre 1918 noch die Unterabteilung für Kriegsgeschichte anschloß. In dieser Organi­sation erfolgte die Arbeit bis zum Herbst 1918. Die Loslösung Ungarns von Österreich brachte die Notwendigkeit mit sich, die Frage des Kriegsarchivs einer zufriedenstellenden Lösung zuzu­führen, da die Archivalienbestände der Armee und besonders der Truppen von Verlusten bedroht waren. Die Gründung des ungarischen Kriegsarchivs und Museums — als selbständige Institution — fällt in die Zeit der unga­rischen Räterepublik. Am 8. April 1919 erschien die diesbezügliche Anord­nung des Volkskommissariats für Kriegswesen1)- Diese Anordnung be­stimmte genau die Aufgabe des Instituts. Die wichtigste Tätigkeit bestand in der Sammlung und aufbewahrung der Akten, die auch bis heute immer die grundlegendste Aufgabe geblieben ist. Nach dem Sturz der ungarischen Räterepublik wurde das Archiv vor­übergehend dem Oberkommando Horthys, später aber wieder dem Ministe­rium für Landesverteidigung untergeordnet. Der Friedensvertrag nach dem ersten Weltkrieg bestimmte den prinzipiellen Grund der Weiterent­wicklung. In Erfüllung des Artikels 117 des Friedensvertrages kam nach einer mehrjährigen vorbereitenden Arbeit der Vertreter der österreichi­schen Bundesregierung und der ungarischen Regierung in Baden bei Wien am 26. Mai 1926 eine endgültige Vereinbarung über die ehemaligen gemein­samen Archivalien und Aktensammlungen zustande. In dieser Vereinbarung verpflichtete sich Österreich, jene Akten an Ungarn zu übergeben, die als ungarisches geistiges Eigentum angesehen werden können. Über das ge­meinsame Material wurde festgelegt, daß es in Wien bleiben soll. Zur Be­ü HIL. Die Schriften der Ungarischen Räterepublik. 12. fase. (Hünb. 638/lt. — 1919). Mitteilungen, Band 17/18 43

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