Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

RAINER, Emil: Der Abenteurer Sardan

Miszellen 545 Das Reich müßte auf ewig adieu sagen von den Gebieten vom Rhein bis zu den französischen Grenzen, wie es bereits die Bistümer Metz, Toul und Verdun verloren hat. England, einst so stolz auf seine Freiheiten und eifersüchtig auf Frankreich, ist in Lethargie versunken. Dabei könnte nur England zusammen mit anderen Interessierten den Aufstieg Frank­reichs zur Universalmonarchie verhindern, wenn es eiligst die notwen­digen Vorkehrungen treffen würde. Die Eroberung Englands würde nicht leicht sein, doch Ludwig wird nicht so grobe Methoden anwenden, um einen König, mit dem er verbündet ist, zu berauben, sondern wird England durch die subtilité inimitable seiner Minister ruinieren. Man wird vielleicht finden, schreibt Sardan, daß er sich zu freimütig aus­spreche, aber wer würde es nicht in dieser verhängnisvollen Konjunktur? Als der stumm geborene Sohn des lydischen Königs Krösus in der Schlacht einen Gendarmen sah, der den Arm hob, um seinen Vater zu töten, sprach er, der niemals gesprochen hatte; warum also sollte Sardan nicht spre­chen, wenn er sehe, daß man sich durch tyrannische Umtriebe vorberei­tet, sein teures Vaterland zu erwürgen? Denn daß er sich erkläre: er sei in England geboren und überdies im katholischen Glauben erzogen, aber durch die Gnade Gottes frei in der Religion wie in der Politik vom Irr­tum aller Dogmen und Fehlmeinungen, mit dem die Studien in Lüttich seinen Geist erfüllt hatten. Als Engländer und Katholik, so behauptet der Franzose und Kalvinist Sardan, hätte er Zutritt zu mehreren ge­heimen Konferenzen in Paris und London gehabt und hätte genaue Kenntnis der bedrohlichen Lage, um als treuer Patriot und wahrer Christ sein teures Vaterland von dem drohenden Unheil zu unterrichten. In England gäbe es 50.000 Katholiken; 12.000 dienten im französischen Heere und würden mit diesem in England landen, um es zu vernichten. Frankreich würde sich über alle Eide hinwegsetzen, sich auf die Wohn­stätten von Sardans teurem Vaterland stürzen und brennen und morden, Englands Frauen und Mädchen vergewaltigen und das Land ausplündern wie in den spanischen Niederlanden, in Lothringen, Burgund und Elsaß und würde sich auch des amerikanischen Goldes bemächtigen. Um sich selbst zu retten, müsse England Spanien vor dem Fall bewahren, Italien müsse sich einigen, die Schweiz müsse ihre Soldaten aus Frankreich heimrufen, England aber müsse aufs äußerste aufrüsten. Es müsse der Liga zwischen dem Hause Österreich, dem Deutschen Reich und Holland beitreten und nötigenfalls ein neues Parlament einberufen; es müsse zur See aufrüsten und tan den französischen Küsten landen; es müsse seine Truppen, die in Frankreich dienen, zurückberufen; es müsse den Ständen Frankreichs helfen, ihre alten Rechte wiederzuerlangen. Damit ist Sardan beim uneingestandenen Zweck seiner Arbeit angelangt, bei der Propa­ganda zur Unterstützung des von ihm noch immer nicht aufgegebenen Revolteprojekts in Südfrankreich. Daher sein S O S-Ruf für sein vor­gebliches Vaterland England, durch das er Frankreich demütigen und zu einem Friedensschluß zwingen möchte, der nicht nur den Aufstän­dischen helfen, sondern auch eine Amnestie herbeiführen sollte, die alle Sünden dieses verlorenen Sohnes auslöschen und ihm die unperturbierte Rückkehr in die Heimat ermöglichen würde. Mitteilungen, Band 17/18 35

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