Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa' 391 rigen und heiklen Fragen vor der Öffentlichkeit zu diskutieren, umso not­wendiger ist es aber, sie rechtzeitig im engen Kreise zu erörtern um uns über das gegenseitige Interesse klar zu werden. Zwischen Österreich und Ungarn würde ich etwas weniger Taktik und mehr Offenheit wünschen, denn die Karten, die wir beide in der Hand haben, sind uns ja gegenseitig zur Genüge bekannt. Der Broschüre lege ich deswegen eine gewisse Bedeu­tung bei, weil sie geeignet ist, dieses notwendige Vertrauen zu stärken. Genehmigen E. E. Dokument 3: Brief Baernreithers an Maximilian Egon Fürst zu Fürstenberg * 121) vom 20. November 1915. Wien, 20. November 1915 Lieber Freund! Mein allgemeiner Eindruck ist, daß eine Reihe wichtiger Fragen in Schwebe sind, bei denen unsere Meinungen ganz auseinander gehen. Der Mann des Ballplatzes hält kilometerlange Reden, bei denen nichts heraus­kommt. Bei seinem letzten Besuch soll er übrigens einen besseren Eindruck gemacht haben, sowie auch positive Vorschläge122). Militärisch wünscht man die möglichste Konzentration der Kräfte, daher, daß wir wenigstens vorläufig Gedanken an Offensive in Italien aufgeben und auch die serbische Frage, sobald dieses Land vollständig niedergeworfen sein wird, so rasch als möglich zu bereinigen. Von einer Wiederholung des Experimentes mit einem selbständigen Albanien will man ganz dezidiert nichts wissen, woge­gen von hier aus an dieser Idee noch immer festgehalten wird. Es ist selbst­verständlich, daß je nachdem man an diesem Gedanken festhält oder nicht, die zukünftige Konstruktion des westlichen Balkans eine andere wird. Man scheut sich in Berlin nicht, das nördliche Albanien an Serbien zu geben, weil man mit Recht darin viel mehr eine Schwächung als eine Stärkung erblickt. Man sieht aber weiter: wenn Serbien an Bulgarien Mazedonien und den Negotiner Kreis sowie an Österreich-Ungarn eventuell das rechte Deutschland und der Monarchie vereitelt, so wird dies in Österreich eine Stim­mung auslösen, die auf das ganze zukünftige Verhältnis der beiden Staaten der Monarchie katastrophal wirken wird. Die Verständigung mit Ungarn über die notwendige große Wendung in unserer Handelspolitik steht also an erster Stelle.“ : Exposé, S. 24 f. 121) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 73 ff. Maximilian Egon Fürst zu Fürstenberg (1863—1941): seit 1887 Mitglied des österr. Herrenhauses, 1901 bis 1906 Mitglied des böhmischen Landtags, seit 1907 Vizepräsident des österr. Herrenhauses, Mitglied des preußischen Herrenhauses. Über die Familie Fürsten­berg vgl. Alexander v. Platten, Karl Egon II. Fürst zu Fürstenberg 1796 bis 1854, Stuttgart 1954. 122) Über den Besuch Buriáns in Berlin vom 10. und 11. November 1915 siehe S. 382 meiner Studie.

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