Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither
J. M. Baemreither und „Mitteleuropa' 389 teilt, ferner dem gewesenen ungarischen Ministerpräsidenten Wekerle U8) und dem Abgeordneten Urban* 117). Bezüglich der übrigen Exemplare, die mir gütigst zur Verfügung gestellt wurden, werde ich eine sorgfältige Auswahl treffen, damit sie in die Hände von Personen kommen, denen es um das große Ziel ernst ist. Genehmigen E. D. u.s.w. Dokument 2: Brief Baernreithers an Alexander Wekerle 118) vom 10. Mai 1915. Euer Exzellenz! Erst heute kann ich dem von Euer Exzellenz geäußerten Wunsch nach- kommen und die Broschüre, von der wir neulich sprachen, zuschicken, weil ich sie eben erst erhalten habe. Sie ist von dem Fürsten Lobkowitz nicht selbst verfaßt, aber auf seine Anregung entstanden und enthält seine Gedanken. Sie bezweckt den Kreisen, die für die Sache Interesse haben, eine Grundlage zu fruchtbarer politischer Vorarbeit zu bieten. Die Broschüre ist als Manuskript gedruckt, vorläufig nicht für Besprechungen in der Öffentlichkeit bestimmt, wohl aber steht ihrer Verbreitung im Kreise politischer Freunde nichts im Wege. Da ich bis heute nur über eine ganz beschränkte Zahl von Exemplaren verfüge, bitte ich Sr. Exzellenz Szte- rény 119) Einsicht in die Broschüre zu gewähren. Auf den Inhalt der Broschüre will ich nicht näher eingehen, weil Eure Exzellenz die mit Rücksicht auf den geistigen Verfasser wichtigen und bezeichnenden Ausführungen sofort herausfinden werden. Ich stimme natürlich nicht in allen Punkten mit der Broschüre überein, finde aber doch vieles dort Ausgeführte sehr treffend. Insbesondere erlaube mir auf die Ungarn gewidmeten Ausführungen auf Seite 32 ff. aufmerksam zu machen. Es ist meines Wissens zum erstenmal, daß aus den hochkonservativen Kreisen eine Stimme so rückhaltlos für die restlose Anerkennung der ungarischen Staatlichkeit sich ausspricht, und alle Phantasien von einem Groß-Österreich im Sinne einer Aufhebung des Dualismusses, als begraben erklärt. Es ist meine Hoffnung — und Euer Exzellenz sind in Ungarn der berufendste Mann darüber zu entscheiden, ob sie trügerisch ist — daß, wenn einmal Ungarn das Mißtrauen ablegt, das es immer noch gegen gewisse österreichische Kreise hegt, ob es vielleicht doch geneigt wäre, gewisse Bestimmungen des Zusammenwirkens der beiden Staaten in dem Sinne zu revidieren, daß dieses Zusammenwirken immer vertrauensvoller, loyaler, vorurteilsfreier, den lle) Über Alexander Wekerle vgl. Anm. 60. 117) Über Karl Urban vgl. Anm. 36 und 59. H8) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 11 ff. Dieser Brief wurde, wie die Vorbemerkung Baernreithers berichtet, am 10. Mai 1915 geschrieben. 119) Über Joseph Szterény vgl. Anm. 59.