Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baemreither und „Mitteleuropa' 385 allem Form und Inhalt seiner konkreten Pläne in bezug auf die Errich­tung eines großen, mitteleuropäischen Wirtschaftsraumes einzugehen, einer Idee, welche in der Nachkriegsplanung der Mittelmächte im Ersten Welt­krieg eine zentrale Rolle spielte. Es bleibt nun die Frage offen, ob sich alle diese Mitteleuropa-Pläne wirklich so entscheidend von den Kriegszielen der Mitglieder des annexioni- stischen „Alldeutschen Verbands“ abheben110). Um diese Frage in wissen­schaftlich einwandfreier Weise zu klären, bedarf es noch vieler gründlicher Spezialuntersuchungen. Im Falle aber der Mitteleuropa-Projekte des öster­reichischen Politikers Baernreither, welcher vor dem Kriegsausbruch als Gegner eines österreichisch-serbischen Konflikts in Opposition zur öster­reichischen Kriegspartei stand und für die Gründung diner Österreich- Ungarn und die Balkanstaaten umfassenden Zollunion eintrat, sich im Welt­krieg aber dann mit großer Vorsicht für ein Wlirtschafts- und Zollbündnis der beiden Mittelmächte eintrat, ist der Unterschied zur Gedankenwelt der Alldeutschen besonders greifbar. V. Anhang 1. Dokument 1: Brief Baernreithers an Zdenko Fürst Lobkowitz m) vom 10. Mai 1915. Vorbemerkung Baernreithers vom 10. Mai 1915 * 112 113): Vor einiger Zeit erhielt ich anonym eine als Manuskript gedruckte Broschüre zugeschickt: Österreich-Ungarns Schicksalsstunde. Kurze Zeit darauf war Abt Helma bei mir und erzählte mir, daß der Verfasser der Fürst Zdenko Lobkowitz in Bilin lls) sei. Darauf hin richtete ich an Fürst Lobkowitz einen Brief worin ich für die Übersendung meinen Dank sagte und einige freundliche Worte über die Broschüre selbst hinzufügte. Darauf hin antworte Lobkowitz mir mittels des innliegenden Briefes, dem ich wieder sehr ausführlich antwortete. Die Broschüre ist nämlich in mehr als einer Richtung interessant. Wenn sie auch nicht direkt aus der Feder des Fürsten stammt, so sind darin doch seine Gedanken enthalten und damit eine Annäherung zu hochkonservativen Kreisen, die in Österreich so oft entscheidend waren oder wenigstens mächtige Einflüsse übten. Nach dieser Richtung ist die Schrift eher ein Fortschritt: er erkennt die ungarische ii°) Vgi, Alfred Kruck, Geschichte des Alldeutschen Verbandes 1880—1939, Wiesbaden 1954, S. 86 f.; Meyer, a. a. O., S. 233 ff.; Rudolf Neck, Kriegspolitik im Ersten Weltkrieg in: Deutsche Kriegsziele 1914—1918, hrsg. von Ernst W. Graf Lynar, Frankfurt/M. 1964, S. 148. m) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 2 ff. 112) A. a. 0., S. 1. 113) Zdenko Fürst Lobkowitz (1858—1933): feudaler Großgrundbesitzer, seit November 1916 Generaladjutant des Kaisers Karl. Bilin: eine Stadt im Erz­gebirge (Böhmen). Mitteilungen, Band 17/18 25

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