Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

378 Masaki Miyake wurden70). Wie Baernreither rechnen auch die Verfasser der Denkschrift mit einer wirtschaftlichen Gegnerschaft Englands, der Vereinigten Staaten, Rußlands und Japans in der Nachkriegszeit und warnen vor der Gefahr der Isolierung Deutschlands und Österreich-Ungarns nach dem Kriege. Ihrer Ansicht nach könnten beide Staaten dieser Gefahr nur durch ein gemein­sames Wirtschafts- und Zollbündnis begegnen* * * * * 77). Zum Unterschied vom Exposé und der Denkschrift Baernreithers beruht diese „Denkschrift aus Deutsch-Österreich“ sehr oft auf reinem histori­schen Material. Auch pathetische Formulierungen wie „der Vergleich zwischen dem, was auf den Schlachtfeldern und was auf dem Gebiete der Politik geleistet wurde, wäre für die Staatslenker beschämend“ 78) und den Hinweis auf eine wirtschaftlich-politische Zusammenarbeit zwischen beiden Mittelmächten und der islamitischen Welt79) sucht man bei Baernreither vergebens. Aber der wesentliche Unterschied liegt meines Erachtens darin, daß in der „Denkschrift aus Deutsch-Östereich“ eine Zollunion zwischen beiden Staaten vorgeschlagen, ja energisch gefordert wird. Der Vorschlag, daß jeder der beiden Staaten bei seinem autonomen Zolltarif bleiben, aber immer der anderen Macht Vorzugszölle einräumen sollte, von denen aber dritte Staaten ausgeschlossen bleiben sollten, wird hier als ungenügend ab­gelehnt80). Dabei zeigen sich die Verfasser der Denkschrift, was die Realisierbarkeit der von ihnen vorgeschlagenen Zollunion betrifft, sehr optimistisch, worin sie sich von Baernreither unterscheiden, der, wie schon gezeigt wurde, zahlreiche Bedenken hatte. Ein gemeinsames Zollparlament als Organ zur Regelung eines gemeinsamen Außentarifs erscheint dieser Denkschrift überflüssig. Denn ein solches Zollparlament würde nur die Arbeit der Regierungen, auf welchen die Hauptlast liege, erschweren81). Weiter heißt es in der Denkschrift: „Übrigens beweist die Geschichte des Deutschen Zollvereins, daß ein Zollbund auch auf rein völkerrechtlichem Wege gegründet, dann durch Jahrzehnte erhalten und entwickelt werden kann. Im Deutschen Zollverein bestand von 1828 bis 1866 das Liberum Veto seiner Mitbrüder und erst 1867 wurde ein Zollparlament und ein Zollbundes­rat geschaffen, in welchem Mehrheitsbeschlüsse gefaßt werden. Somit ist 7,i) Den Inhalt dieser Denkschrift behandelt ausführlich Paul R. Sweet: Ger­many, Austria-Hungary and Mitteleuropa: August 1915 — April 1916 in: Fest­schrift für Heinrich Benedikt, hrsg. von Hugo Hantsch und Alexander Novotny, Wien 1957, S. 184 ff. und Maria Enste, das Mitteleuropabild Friedrich Naumanns und seine Vorgeschichte, Marburg 1941, S. 45 ff. Vgl. Meyer, a. a. 0., S. 178 f. 77) Denkschrift aus Deutsch-Österreich, S. 45. 78) A. a. O., S. 11. Baernreither verzichtete auf eine „historische Einleitung“, denn „aus der Gegenwart und ihren Notwendigkeiten müssen wir die Lösung der Frage schöpfen, wenn wir etwas für die Zukunft Heilsames und Haltbares schaffen wollen“: Exposé, S. 1. 79) Denkschrift aus Deutsch-Österreich, S. 5 f. 80) A. a. 0., S. 56. 81) A. a. O., S. 62.

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