Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa' 373 Besonders diese Alternative aus dem Exposé Baernreithers wurde in der Sitzung vom 23. März bei Marchet eifrig diskutiert. Kobatsch ersuchte die Anwesenden, „ihre Meinungen über die zwei im Exposé enthaltenen Alter­nativen: engerer staatsrechtlicher Verband oder völkerrechtliche Vereini­gung (Zwischenzölle oder Vorzugszölle) bekanntzugeben.“ Dagegen meinte Riedl, der Baernreither bereits im Herbst 1914 einen fertig ausgearbeiteten Zollunion-Plan gezeigt hatte, daß „die Alternative: völkerrechtliche An­näherung (getrennte Zollgebiete und Anpassungszölle) nicht das wünschens­werte Ziel sei. Die Frage, ob völkerrechtliche oder staatsrechtliche Fassung, sei im übrigen mehr formaler Natur. Man müsse sich hauptsächlich über das Ziel klar sein und dürfte sich wegen formaler Bedenken in Bezug auf die Durchsetzbarkeit nicht beirren lassen“ 68). Dieser Marchet-Kreis stand in enger Verbindung mit dem „Deutsch­österreichisch-ungarischen Wirtschaftsverband“ * 54) unter dem Vorsitz von Hermann Paasehe, dem Vizepräsidenten des deutschen Reichstags. So reisten gegen Ende März Marchet, Friedmann, Hainisch und Kobatsch nach Berlin, um dort am 26. und 27. März an der Versammlung des „Deutsch­österreichisch-ungarischen Wirtschaftsverbandes“ teilzunehmen *5). In dieser Versammlung hielt der deutsche Abgeordnete Friedrich Nau­mann eine längere, in diesem Zusammenhang sehr interessante Rede 56), die stark an sein berühmtes Buch „Mitteleuropa“ (Oktober 1915, Berlin) er­innert. Naumann sagte: „... In technischen und Einzelfragen laufen wir noch auseinander, im Grundsätze sind wir aber auf dem besten Wege, uns zu nähern und zusammenzufinden. In beiden Ländern (Deutschland und Österreich-Ungarn) ist eine immer stärker zunehmende Zahl von Persönlich­keiten für den Wirtschaftsverband. Hier sollen ja nicht Endresultate for­muliert werden, sondern die Geister geweckt werden dafür, daß unser Problem die eigentliche zentrale Frage des Friedensschlusses darstellt. Denn welchen Sinn hat dieser Krieg? Er kam als ein Angriff von außen, denn weder Deutschland noch Österreich-Ungarn wollten den Krieg. Hätten M) „Sitzung bei Exzellenz Marchet am 23. März“ : Nachlaß Baernreither, Karton 30, Fol. Nr. 502—503. 54) Dieser Verband wurde vor dem Ersten Weltkrieg von Julius Wolf ge­gründet. Meyer, a. a. 0., S. 140. 55) Baernreither, Tagebuch, Bd, 14, S. 75: Ausschnitt aus einem Zeitungs­artikel. Vgl. „Vorbesprechung im Hotel Adlon in Berlin am 25. 3. 15 unter den Österreichern, die für den 26. von dem deutsch-österreichisch-ungarischen Wirt­schaftsverein eingeladen waren“ : Nachlaß Baernreither, Karton 30, Fol. Nr. 497—498. 56) Protokoll über die Versammlung des deutsch-österreichisch-ungarischen Wirtschaftsverbandes, Berlin, 27. März 1915: „Über die Neugestaltung der künftigen Handelsbeziehungen Deutschlands zu Österreich-Ungarn“: Nachlaß Baernreither, Karton 20, Mappe „Mitteleuropäischer Wirtschaftsverein“, Kar­ton 30, Fol. Nr. 489—496; Meyer, a. a. O., S. 154. Es geht nicht klar hervor, ob die Rede in der Versammlung vom 27. März eine Wiederholung der Rede von der Sitzung vom 26. März war. Inhaltlich ist die erstere ausführlicher.

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