Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa' 363 tat, von einer derartigen Partei in der Monarchie sprechen kann, als deren Hauptrepräsentanten in diesem Fall, um nur zwei der hervorragendsten zu nennen, der k. u. k. Kriegsminister der Jahre 1912 bis 1917, Alexander Freiherr von Krobatin, und der Generalstabschef von 1906—1911 und 1912 bis 1917, Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf zu betrachten wären, übte Baernreither auch offen scharfe Kritik. Er äußerte sich auch unter anderm über den späteren Außenminister Ottokar Graf Czernin (Minister bekanntlich von 1916 bis April 1918), der in seinem Gespräch mit Baern­reither ähnliche Gedanken vertrat, sehr kritisch. Erbittert schrieb er 1912 in sein Tagebuch: „Gestern (28. November 1912) gab Professor Redlich ein kleines Frühstück. Anwesend waren außer mir die Baronin Franckenstein, Graf Hoyos vom Ministerium des Äußern, Chlumeck^ junior und Paul Schulz. Die Franckenstein begann sofort das hohe Kriegslied, das notwendige Stahlbad usw. Als die Herrschaften sich etwas ausgesprochen hatten, drang ich auf die Beantwortung der Frage: was für Ziel hätte für uns ein Krieg? Darauf die stereotype Antwort: nach einem siegreichen Krieg Annexion Serbiens, Trialimus, Sanierung des Verhältnisses zu Ungarn. Ähnliches Frage- und Antwortspiel abends im Klub mit Karl Schwarzenberg, Czernin, Latour und Nostitz. Niemand zerbricht sich aber den Kopf darüber, wie man es anfangen sollte, ein durch­aus demokratisches Volk, das keinen Adel noch Grundbesitz kennt, und dessen Staat, revolutionären Ursprungs, sich seit Jahrzehnten frei bewegt und jetzt mitten in einem siegreichen Kampf um seine Aus­dehnung begriffen ist — dem alten Österreich anzugliedern“ 8). Über ein längeres intimes Gespräch mit Krobatin vom 30. Jänner 1913 berichtet er in seinem Tagebuch ausführlich: „Ich saß gestern bei einem Diner, das der Direktor Spitzmüller gab, neben Krobatin, dem Kriegs­minister, den ich seit vielen Jahren kenne und der sehr aufgeknöpft mit mir sprach. Der Krieg sei aus äußeren und inneren Gründen eine Notwendigkeit. Der Minister habe aus meinen Delegationsreden Interesse für die süd­slawischen Fragen geschöpft und sei der Überzeugung, daß wir Serbien annektieren müssen, je früher desto besser. Er scheint nicht überzeugt, daß ein Krieg mit Serbien notwendigerweise einen Krieg mit Rußland im Gefolge haben müsse, gab aber schließlich die große Wahrscheinlichkeit zu. Er entwickelte in großen Zügen einen Feldzugsplan ... Bezüglich Deutsch­lands ist er unsicher . . . An eine Einmischung Frankreichs und Englands glaubt er nicht ... Auf meine Frage: ,Was mit Serbien anfangen, wenn wir es erobert hätten?* kam die gewöhnliche Antwort: dann müsse ein dritter Staatskörper gebildet und das ganze Gebilde der Monarchie um­«) Baernreither, Fragmente, S. 178 f. Vgl. Schicksalsjahre Österreichs 1908—1919. Das politische Tagebuch Josef Redlichs, bearbeitet von Fritz Fellner, Graz—Köln 1953, Bd. 1, S. 182. (Viele biographische Angaben über politische Persönlichkeiten der Monarchie habe ich dem Personenregister dieses Buches entnommen. Im folgenden zitiert: Schicksalsjahre Österreichs.)

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