Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

CSÁKY, Móric: Österreich und der Modernismus. Nach den Berichten des österreichischen Botschafters am Vatikan 1910/11

Österreich und der Modernismus. Nach den Berichten des österreichischen Botschafters am Vatikan 1910/11. Von Móric Csáky (Salzburg—Wien). Die Entwicklung und Geschichte des Modernismus wird gerade in unseren Tagen wieder mit großem Interesse verfolgt. Vielleicht sind dafür vor allem zwei Gründe namhaft zu machen: die gerade jetzt zu großer Aktualität gelängte Anpassung der Kirche an die neuen Zeit­umstände (ein Beispiel dafür ist das zweite Vatikanum) und die daraus resultierenden Schwierigkeiten; ferner spricht ein äußerer Umstand da­für: Akten und Dokumente, die bis jetzt in Archiven, Bibliotheken und Nachlässen verschlossen waren, können jetzt, nach einem gewissen zeit­lichen Abstand von den Geschehnissen, erstmalig benützt und ausge­beutet werden. — Ferner noch ein Hinweis: es soll in diesem Aufsatz nicht auf die Problematik des Modernismus eingegangen werden, ebenso­wenig auf den Wandel in der Beurteilung dieser zum Teil (sicher) sehr berechtigten Reformbestrebungen, die Ende des 19., und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in erster Linie in Frankreich aus dem Bedürfnis ent­standen ist, traditionelle kirchliche Lehre mit moderner Wissenschaft und Kultur zu versöhnen1) ! Die Frage, ob auch Österreich von einer „modernistischen“ Welle erfaßt war, wie etwa Frankreich unter den Loisysten und Sillonisten, 1) Unter den neueren Werken über den Modernismus sei vor allem auf die hervorragende Untersuchung von Émile P o u 1 a t, Histoire, dogme et critique dans la crise moderniste (Paris 1962) aufmerksam gemacht (besonders S. 7—29). Ferner: R. P. Marié, Au Coeur de la crise moderniste (Paris 1960). Bezüglich der Beurteilung des Modernismus ist aufschlußreich etwa ein Ver­gleich der Stichworte „Modernismus“ im S.tL5III 1373—76 (in welchem E. Przywara dien Modernismus bezeichnet als „ein geschichtlich und systema­tisch abgeschlossenes Gebilde, das mit Katholizismus überhaupt unverträglich ist“) und StL6V 794—801 (mit den zurückhaltenden, vorsichtigen Formu­lierungen R. Auberts: Modernismus als ,,Richtung“, „Tendenz“, nicht als System!) Vgl. ferner LThK VII2 * * 513—16. Nicht weniger aufschlußreich für die in neuester Zeit vorsichtiger werdende Beurteilung des Modernismus ist etwa die Einführung zum Dekret Lamentabili im Enchiridion Symbolorum (ed. Denzinger-Schönmetzer, Barcelona-Freiburg 196332), wo es heißt: „Mens huiüis Decreti vero non adeo est, condemnare propositiones de facto prolatas, seid potius statuere ,in abstracto* prroposiitiones, quae, ,prout sonant*, reprobari debent; hinc etiam propositiones occurrunt, quae sensum depravatum, ab auctoribus non intentum, exhibent“ (S. 669). Dies Urteil einer offiziösen kirchlichen Dokumentensammlung ist beachtlich!

Next

/
Thumbnails
Contents