Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Einige neue Dokumente zum Tode des Kronprinzen Rudolf

320 Friedrich Engel-Janosi hatte er eine Depesche „trés confidentielle“ an seinen Minister gesandt, in der er von einem Gespräch berichtete, das er mit dem Kronprinzen als dessen Gast beim Diner gehabt hatte und in dem Rudolf von den un­erträglichen Schikanen erzählte, denen Prinz Alexander von Battenberg, für den er lebhafte Sympathien hatte16), von Seite der preußischen Be­hörden ausgesetzt sei. Man dürfe sich aber darüber nicht wundern „de la part de gens aussi mal élevés que les Prussians“ und Decrais setzte dem die Konstatierung hinzu, daß Rudolf also seine Gefühle gegen das Deutsche Reich und den Deutschen Kaiser nicht geändert habe und daß er diesen Antipathien noch mit der gleichen Lebhaftigkeit Ausdruck gebe wie vor einem Jahre17). Decrais sprach den Kronprinzen nochmals drei Tage vor dessen Tode beim Prinzen von Reuss, dem Deutschen Botschafter, und bemerkte damals „que jamais il n’avait eu plus fiére mine, qu’il n’avait jamais montré une plus belle humeur“ 18). Ihm bedeutete Rudolfs Tod das plötzliche Verschwinden eines aufrichtigen und besonders begabten Freun­des Frankreichs, eines der wenigen Fürsten Europas, der Frankreich nie­mals übel gewollt hatte und dessen „généreuse vivacité de ses sentiments antiprussiens“ den Franzosen erlaubt hatte, „sans présomption“, „ohne allen Eigendünkel“ einige Hoffnung auf ihn zu setzen19). Mit sichtlicher Befriedigung berichtete dann der Botschafter, wie am Einsprüche Wiens die Versuche Kaiser Wilhelms scheiterten, am Begräbnisse persönlich teil­zunehmen und sich damit den Anschein von Gefühlen für den Verstorbenen zu geben, von denen er sich zu dessen Lebzeiten freizuhalten gewußt hatte-0). Die Berichterstattung Decrais über „Mayerling“ schließt mit einer düsteren Schilderung des Charakters des Mannes, dem nun wahr­scheinlich die Krone des Habsburgerreiches zufallen werde — der legitime Erbe wäre derzeit noch Erzherzog Karl Ludwig, der aber nur um drei Jahre jünger als der Kaiser war. So werde also Erzherzog Franz Thronfolger sein, von dem bisher nichts Günstiges bekannt geworden sei. „L’antipathie qu’il s’est attirée est universelle.“ Die Aussichten in die Zukunft der Monarchie seien trübe -1). Die Dokumente des Staatssekretariates im Vatikan beantworten gewiß nicht alle Fragen, die man über den Tod Rudolfs stellen möchte und man ist geneigt, nachdem man sie gelesen, den Worten der eindringlichen und sorgfältigen Untersuchung Dr. Holländers beizustimmen: „Es ist schon so, 16) Mitis, a. a. O., 163. 17) Bericht 1889, I, 22. T. 548. Archives Ministére des Affaires Etrangéres, Paris (im folgenden: AMAE). 18) Bér. I, 31, AMAE. 19) Der französische Botschafter in Berlin Herbette verweist in seinem Bericht 1889, III, 7 auf die Gefährdung des deutsch-österreichischen Bündnisses, falls etwa jetzt nach dem Tode des Kronprinzen Kaiser Franz Joseph sterben sollte. Documents Diplomatiques Frangais (1871—1914 (le série) 356 f. so) Bér. II, 3, AMAE. S1) Bér. II, 6, ebd.

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