Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Einige neue Dokumente zum Tode des Kronprinzen Rudolf

318 Friedrich Engel-Janosi Worte des Begleitschreibens des Staatssekretärs, daß „la tristitissima fine“ des Erzherzogs auf das Gemüt des Heiligen Vaters „una ben profonda e ben penosa impressione“ gemacht hatten, umschreiben die im Papstbrief ge­brauchte Wendung; die Todesart des Prinzen „mußte Uns ganz besonders schmerzlich sein“; „Genus autem mortis quo Serenissimus Princeps oc­cubuit, non potuit non esse Nobis acerbissimum“ 12). Als dem eigentlich historischen Bereich angehörig können wir die Frage nach den politischen Folgen des Todes Rudolfs betrachten. Auf diese wirft einiges Licht ein Brief, den der so viel und lebhaft diskutierte „Bischof von der türkischen Grenze“, Joseph Strossmayer, an Kardinal Rampolla gerichtet hat13). Strossmayer, dessen „unerbittliche Logik“ schon auf dem ersten Vatikanischen Konzil allgemein Aufsehen und bei den Gegnern auch Schrecken erregte, gliedert die Todesnachricht dem Haupt­thema seines Lebens, dem Kampfe zugunsten größerer Rechte der Kroaten und gegen die magyarische Vorherrschaft ein. Das Ableben Rudolfs nennt er „calamitas summa . . . non tantum privato sed maxime publico respectu“, zunächst weil sie den Übelwollenden reichliche Gelegenheit biete, das mo­narchische Prinzip und die katholische Kirche zu verleumden, seitdem es feststeht, daß der Erzherzog durch Selbstmord geendet, eine „calamitas publica quae nos omnes utique prostratos tenet ... haec inaudita calamitas“. Was bedeutet sie? Gott wollte durch sie der Dynastie und allen Völkern des Reiches eine Lehre erteilen, indem er ihnen zeigte, daß sich ein tiefer Abgrund vor ihnen eröffne, „infernalem mortis et interitus voraginem“, von dem sie sich nur durch die Zukehr zu den ewig wahren Prinzipien retten können. Dieses unerhörte öffentliche Unglück könne leicht zum Beginne des Endes werden, da ein Reich, das die Arbeit von Jahrhunderten aufgebaut hat, nicht plötzlich zugrunde geht. Auch will Gott den Reichen und Völkern so wie den einzelnen Zeit zur Umkehr und Buße geben. Nun aber ist die letzte Stunde da, auf daß das Reich die Grundsätze der katholi­Augustaeque Familiae ornamentum et decus. Nunc quando aliud nihil super est, nisi ut Deus velit dolori Tuo ea solatia tribuere quae in sua potestate et benigni­tate sunt posita, ad Ipsum impensas preces effundimus, ut Tuum animum ex acerbitate accepta erigat et confirmet, Teque et Augustam Familiam in omnem veram prosperitatem adducat. Sperantes Deum votis Nostris propitium fore, Apostolicam Benedictionem caelestium munerum auspicem Tibi, carissime in Christo Fili Noster, et Imperiali ac Regiae Familiae Tuae amantissime in Domi­num impertimus. Datum Romae apud S. Petrum die XXV. Februarii Anno 1889, Pontificatus Nostri undecimo. Leo PP. XIII)“. Die eingeklammerten Sätze sind identisch mit der in „Korrespondenz" publizierten Fassung. Die Abweichungen sind wohl so zu erklären, daß die in „Epistolae ad Principes“ erhaltene Fassung einen Entwurf darstellt, an dem bei der in Wien aufbewahrten Ausfertigung noch einzelne stilistische Änderungen vorgenommen wurden. 12) „Korrespondenz“, 322. 13) Diacovar, 1889, II, 4. — Über Strossmayers Rolle in den Beziehungen zwischen Vatikan und Wien vgl. mein „Österreich und Vatikan“, bes. I, 221 f., 277 ff.

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