Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Einige neue Dokumente zum Tode des Kronprinzen Rudolf
314 Friedrich Engel-Janosi digung mag in den Worten des päpstlichen Beileidschreibens zu finden sein, in dem es heißt: „Non vogliamo quindi tardare a presentare ..5). Wie aus den Akten des Vatikanischen Archivs hervorgeht, war das Staatssekretariat tatsächlich am Todestag selbst, am 30. Jänner vom Ableben des Kronprinzen verständigt worden. Revertera hatte Kardinal Rampolla eine Abschrift des Telegramms übersandt, das er selbst soeben, „in questo momento“ erhalten hatte (die Stunde ist nicht angegeben und im Wiener Archiv ist das Konzept nicht aufbewahrt): unverhofft, „im- provisamente“ sei der Kronprinz in dieser Nacht in Mayerling verschieden; „si crede che la morte sia avvenuta in seguito di apoplessia“ — „infolge eines Schlaganfalls“. Rudolf habe sich nicht wohl gefühlt und deshalb sich gestern von einem Familiendiner entschuldigen lassen; für heute früh aber sei eine Jagdpartie angesagt gewesen, zu der die Gäste bereits eingetroffen waren. Die letzten Angaben waren richtig. Kardinal Rampolla ließ daraufhin Kálnoky im Namen des Papstes und in eigenen „le piü vive condoglianze“ aussprechen. Auf das kaiserliche Telegramm erwiderte Leo in einer zweiten Beileidsbezeugung vom 1. Februar, in der es heißt: „in risposta alia partecipazione fattaci di V. M. col telegramma di ieri rinnoviamo dal fondo del cuore nostre condoglianze“. Gleichfalls am 1. Februar, um 2h n. m. telegraphierte der Wiener Nuntius Galimberti an Kardinal Rampolla dringend wie folgt: „Graf Kálnoky ist soeben im Aufträge des Kaisers bei mir gewesen, um mir mitzuteilen, daß die Autopsie ergeben hat, daß der Kronprinz Selbstmord begangen hat. Aber die Ärzte auch der Universität haben erklärt, daß der Zustand des Gehirns Geistesgestörtheit vermuten läßt. Der Kaiser ersucht, daß der Heilige Vater benachrichtigt werde mit dem Ausdruck des Dankes für das ihm übersandte Telegramm“. „E venuto ora Conte Kálnoky inviato dali’ Imperatore per parteciparmi che l’autopsia ha constatato Principe Imperiale suicidato. Ma medici anche University hanno dichiarato stato cervello sup- porre alienazione mentale. Imperatore desidera sia partecipato Santo Padre coi ringraziamenti telegramma inviato. Galimberti“. Monsignore Galimberti, der damalige Nuntius, gehörte zu den wenigen Vertrauten des Papstes. Als sogenannter „Peruginer“ war er in den langen Jahren, in denen das Mißtrauen oder die Eifersucht des Kardinalstaatssekretärs Pius’ IX. den damaligen Kardinal Pecci in Perugia fest- und damit von Rom fernhielt, ständig in dessen Umgebung gewesen. Galimberti hatte dann zwei wichtige diplomatische Missionen nach Berlin erfolgreich durchgeführt und damit die Beendigung des Kulturkampfes vorbereitet, die Leo XIII. so sehr am Herzen lag. Es hatte geschienen, als ob er die Stelle des Staatssekretärs erhalten sollte, die 1887 — wenige Wochen, nachdem Galimberti nach Wien 5) 1889, I, 31. „Korrespondenz“, Nu. 165, S. 319 f.