Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
RAUCHENSTEINER, Manfried: Das sechste österreichische Armeekorps im Krieg 1809. Nach den Aufzeichnungen des FZM Johann Freiherr von Hiller (1748–1819)
164 Manfried Rauchensteiner Nach einem solchen Ereignis fand ich für nötig, eine vorläufige Relation direkt an S. M. durch eine Person machen zu lassen, welche als Augenzeuge diesen hartnäckigen Gefechten beigewohnt und von allen Umständen genaue Details zu machen im Stande. Um diesem Auftrag ganz zu entsprechen, erbat ich mir von S. K. H. dem E. H. Ludwig dessen General Adjutanten ObristLt Bar. Reischach, welcher denn mit dieser Relation nach erhaltener Genehmigung an Se. Majestät vom Schlachtfeld abgegangen. — Der Feind verfolgte mich zwar immerfort, jedoch getraute (er) sich nicht, (sich) in ein hartnäckiges Gefecht einzulassen, und mir blieb in einer solchen Lage, da ich von der Lage der Armee, als daß selbe geschlagen worden wäre, (nur) wußte, meine Aufstellung bei Oetting und Mühldorf hinter dem Inn zu nehmen, um da den Feind aufzuhalten oder nach Umständen denselben wieder anzugreifen, zurückzuwerfen und zu Gunsten der Armee meine Operationen einzurichten. In dieser Absicht zog ich mich auf Oetting und Mühldorf hinter den Inn. An S. K. H. den E. H. Generaliss. fertigte ich einen Bericht aus Oetting ab, in welchem ich höchstdemselben über alles bis zum 22. April die Relation erstattete. Der Feind verfolgte mich bis nach Veldkirch, Frauenbichel und Degning, stellte seine Vortruppen auf und machte nur kleine Angriffe auf mich. Nachdem ich die Truppen in der neuen Aufstellung in Ordnung gebracht und wieder mit allem versehen hatte, auch mir die Nachricht zugekommen, daß der Feind mich als schon gänzlich aufgerieben nur nachlässig behandelte, faßte ich den Entschluß, denselben wieder anzugreifen und nach Umständen so weit wie möglich zurückzuschlagen. Ich erteilte hierwegen meine Disposition für den 23. April. Schon am Abend des 22. April, nachdem mir der Feind zu nahe seine Vortruppen aufgestellt, ließ ich die nötige Disposition treffen, dlamit solche in der Nacht alle zugleich überfallen und mir die Vorrückung mit den Armeekorps den 23. April erleichtert werden möchte. Diese nächtliche Unternehmung gelang so gut, daß es nur wenigen feindlichen Posten gelungen war, zu den Ihrigen zurückzukommen. Es wurden wenige gefangen gemacht, sondern alles getötet, weil es daran gelegen war, keine Zeit zu verlieren, weder sich mit Gefangennehmung aufzuhalten, sondern nur zu trachten, die bestimmt wordene Aufstellung zu erreichen. Ich traf für den Hauptangriff die Disposition. Eine Stunde vor Neumarkt traf ich den Feind aufgestellt an; so wie die Kolonne anlangte, wurde selbe zum Angriff auf ihre Bestimmung geführt; in einer Zeit von zwei Stunden waren alle Truppen der beiden Armeekorps im Gefecht und eben als das Reservekorps anrückte, wurde der Feind nach einem dreistündigen Raufen gezwungen, die Position vor Neumarkt zu verlassen und sich hinter Neumarkt über den Rotbach zurückzuziehen. Dieser Rückzug war sozusagen das Signal, den Feind mit aller Gewalt anzufallen. Das Aneifern der Truppe brachte selbe in eine solche Tätigkeit, daß das ganze Zentrum sich nicht mehr mit Plänkeln abgegeben, sondern wütend den Feind mit dem Bajonett angefallen