Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)

MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen

612 Rezensionen des Habsburger Reiches, mit dessen früherer Geschichte er allerdings nicht so vertraut zu sein scheint, wie S. 18 seine Bemerkung über Neäpperg beweist. Die christlich-soziale Bewegung wird von ihrer Entstehung her und ihrer Entwicklung nach gezeichnet. Im Mittelpunkt steht die Persön­lichkeit Luegers, die auf den jungen Hitler einen so tiefen Eindruck machte. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der großdeutschen Be­wegung Schönerers und mit den in der Monarchie noch schwachen An­schlußbestrebungen. Hier hat Hitler die entscheidenden ideologischen Impulse empfangen, vor allem im Hinblick auf seinen Antisemitismus. Jenks widmet dann der jüdischen Frage in Österreich-Ungarn eine aus­führliche Untersuchung und befaßt sich sehr eingehend mit den verschie­denen, oft sehr gegensätzlichen Strömungen des Antisemitismus, aber auch mit den vielfältigen Schichtungen innerhalb des österreichisch-ungarischen Judentums selbst. Ein grundlegender Unterschied des österreichischen und deutschen Antisemitsmus, wie ihn der Verf. sehen will, wird wohl kaum nachweisbar sein; man vergleiche seine eigenen Bemerkungen über Treitschke und Stöcker an anderer Stelle dieses Buches. Im folgenden Kapitel wird das Nationalitätenproblem erörtert, wie es sich in diesen Jahren und in der Hauptstadt im besonderen darstellte. Damit zusammen hängen die parlamentarischen Gegebenheiten und die Verhältnisse in Heer und Beamtenschaft. Besonders folgenschwer für seine Entwicklung war auch Hitlers Konfrontierung mit der modernen sozialen Frage in Wien und sein Verhältnis zum Marxismus. Hier behandelt Jenks ausführlich die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie sowie die Persönlichkeit V. Adlers. Eine besondere Rolle spielten dabei die nationalen Gegensätze innerhalb der Arbeiterschaft, die im Zusammenhang mit den Theorien Renners und Bauers dargestellt wer­den. Wie weit gerade diese Probleme, die für die Vorläufer des National­sozialismus von großer Bedeutung waren, auch auf den jungen Hitler persönlich einwirkten, bleibt unerörtert. Zuletzt gibt Jenks noch einen eindrucksvollen Überblick über das Kul­turleben der Donaumetropole, mit Details für Gebiete, die Hitler sicherlich nie berührte. Es ist trotz des imposanten Gesamtbildes vom Wien jener Jahre, das uns der Verfasser mit großem kompositorischen Talent ent­wirft, das an sich nichts Neues bringt, aber das allgemein bekannte und vielfach zerstreute Material in begrüßenswerter Geschlossenheit bietet, doch nicht zu leugnen, daß es dem Verf. nicht gelingt, die Verbindung zu der Entwicklung des jungen Hitler herzustellen. Dieser taucht im Laufe der Darstellung nur gelegentlich am Rande, mehr schemenhaft, auf. Die vom Verf. eingangs gestellte pathetische Frage, was Wien wohl zum Werden dieses Erz-Nihilisten beigetragen haben mag, bleibt im Buch unbeantwortet; geboten werden im allgemeinen lediglich einige Hypothesen. Freilich ist der Hitler dieser Jahre nur schwer faßbar, bedingt durch die Quellenlage, ein Mangel, der jedoch im vorliegenden Buch durch die Behandlung des vorhandenen Materials noch verschlimmert wird. Die ver­schiedenen Veröffentlichungen über Hitlers Jugend sind von sehr unter­schiedlichem Wert. Mit Recht benützt J. die unmittelbar unter dem Ein­druck des Zusammenbruch von 1945 erschienene Darstellung Greiners mit

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