Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)

MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen

604 Rezensionen schaftliche Laufbahn ergriff. Martinovics stammte aus einer serbischen Familie, wuchs mehrsprachig auf und zeigte schon frühzeitig ein großes Interesse für Naturwissenschaften. Für das Selbstgefühl und wohl auch die Oberflächlichkeit des jungen Mannes spricht die Tatsache, daß er sich als 25jähriger in Großwardein und Raab nacheinander um die Lehrstühle für Philosophie, Mathematik, Physik und Kirchengeschichte bewarb. Im Sommer 1781 floh er aus dem Franziskanerkloster zu Brod, wurde dann Feldgeistlicher in der Bukowina, Mitglied der Lemberger Loge und 1783 dort Professor der Physik. Schon in dieser Zeit gab Martinovics vor, eine Europareise mit dem Grafen Potocki unternommen zu haben. Silagi weist die Unmöglichkeit dieser Behauptung überzeugend nach (S. 72 f.). Später erklärte Martinovics sogar, bei dieser Gelegenheit von Louis Philippe d’Orléans und Mirabeau in den Illuminatenorden aufgenommen worden zu sein. Im September 1784, als Lemberg zur Universität erhoben wurde, wird der junge Mann, der sich die Gunst Gottfried van Swietens zu er­werben wußte, dort Dekan. Durch sein hochfahrendes und unbeherrschtes Wesen verfeindete er sich aber mit seinen Kollegen und verlor die Unter­stützung van Swietens. So kam die so glänzend begonnene Karriere ins Stocken. Die Stunde des Verschwörers kam erst, als Leopold II. mit einem geheimen Mitarbeiterkreis die öffentliche Meinung in Ungarn gegen die von ihm selbst wiederhergestellte Verfassung aufwiegeln wollte. Franz Gotthardi, der ehemalige Polizeidirektor von Pest und nun­mehrige Leiter des Propagandainstituts Leopolds II., war von dem phanta­sievollen Professor entzückt („Martinovics ist ein göttlicher Mann“) und ist von ihm später selbst in den Verschwörerkreis einbezogen und ruiniert worden. Auch der Kaiser selbst scheint dem Abenteurer weitgehend herein­gefallen zu sein. Martinovics wurde mit vollem Gehalt in den Ruhestand versetzt, erhielt reichliche Reisegelder und wurde schließlich Hofchemiker des Kaisers, um stets unverdächtig Zutritt zu haben. Knapp vor dem Tod Leopolds II. erhielt er noch den Titel eines Abtes von Szászvár. Wenn auch Silagi betont, daß der Kaiser aus den Denunziationen seines Günstlings „praktisch keine Folgerungen gezogen hat“ (S. 112), so ist doch im Falle des Grafen Karl von Zinzendorf, der auch auf der Liste der Illuminaten stand, aus dessen Tagebüchern nachzuweisen, daß er wegen seiner politi­schen Einstellung als Bewunderer der Revolution eben zu dieser Zeit bei der Besetzung höchster Staatsstellen übergangen wurde. Jedenfalls muß eine eigentümliche Faszination von dem jungen Ungarn ausgegangen sein, der man sich nicht leicht entziehen konnte. Aber es werden — und diese Folgerung hat Silagi nicht gezogen — mit den Gestalten der Helfer Mar­tinovics und Gotthardi auch die geheimen Reformpläne Leopolds II. in ein etwas zweifelhaftes Licht gestellt. Auf die abschließende Beurteilung der Bestrebungen des Kaisers in der vor dem Erscheinen stehenden Leopold- Biographie Adam Wandruszkas kann man gespannt sein. Das Ende des ideenreichen Abtes und seiner Mitverschwörer in der franziszeischen Epoche bildet den zweiten Hauptteil des Buches. Nach dem Tod Leopolds waren die letzten Hemmungen des Martinovics gefallen (S. 109). Er hielt weiter an dem Plan Leopolds II. fest, nur richtet er sich nun, da er bei Franz II. keine Unterstützung mehr fand, gegen den Hof

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