Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)

SPRUNCK, Alphonse: Prinz Eugen als Generalstatthalter der österreichischen Niederlande

148 Alphonse Sprunck krieg diese Provinzen zurückgelassen hatte, war ihm wohl bekannt. Aber in den großen Monarchien Europas war die Zeit der städtischen Freiheiten am Anfang des 18. Jahrhunderts vorbei. Die äußerst tapfere Haltung des biedern Zunftmeisters Anneessens vor dem Brabanter Rat und auf dem Blutgerüst machte auf seine Landsleute einen tiefen Eindruck, sodaß er für spätere Generationen zu einem Vorkämpfer altererbter Volksrechte gegen den autoritären Statthalter eines fremden Monarchen und für das Volk geradezu zu einem Märtyrer wurde45). Pirenne hat die Bedeutung seiner Persönlichkeit und seines Widerstandes gegen Prié auf das richtige Maß zurüekgeführt. Prinz Eugen und die Beziehungen der österreichi­schen Niederlande zu andern Staaten. Im Jahre 1717 verhandelten kaiserliche und französische Kommissare in Lille, um die genauen Grenzen zwischen den österreichischen Niederlanden und Frankreich festzusetzen. Im April dieses Jahres berief Prié die Ver­treter Karls VI. zurück, da er den Eindruck hatte, die Franzosen wollten die Angelegenheit nicht zum Abschluß bringen, um länger im Besitz des umstrittenen Gebietes zu bleiben. Prié hatte einen genauen Bericht über die Tätigkeit dieser Kommissare, sowie die Abschrift eines Briefes von Mar­schall Villars beigelegt46). Der Prinz riet dem Kaiser am 1. Mai 1717, den Grafen Königsegg zu beauftragen, vom Versailler Hof zuerst die genaue Ausführung der Verträge von Rastatt und Baden zu verlangen und strittige Grenzfragen erst später auf freundschaftlichem Wege zu erledigen. Dieser Gesandte schrieb Eugen am 9. September 1718, durch den Abgang des Marschalls Villars als Minister seien die Verhandlungen vorläufig ver­zögert. Bei der Übergabe von Mons im Jahre 1709 hatten die französischen Militärbehörden sich verpflichtet, die Schulden, die sie dort gemacht hatten, zu bezahlen und auch Geiseln gestellt. Diese Summe betrug 300.000 Fran­ken. Außerdem hatte der Versailler Hof sich durch den Vertrag von Lille 45) Artikel über Anneessens von Alphonse Wauters in der Biographie Natio­nale de Belgique, erster Band, S. 299—317. Eine Erwähnung von Anneessens in Pamphleten des Brabanter Aufstandes gegen Joseph II. habe ich bis jetzt nicht gefunden. Im Jahre 1865 veröffentlichte der belgische Dichter Adolphe Mathieu über ihn eine Dichtung mit historischen Anmerkungen. Ein Denkmal für ihn wurde 1889 in Brüssel errichtet. Schon im Jahre 1838 hatte Gachard erklärt, daß die Bedeutung der Brüsseler Unruhen von 1717 für die belgische Geschichte von seinen Zeitgenossen über­schätzt wurde. Histoire des Troubles de la Belgique sous le Regne de l’Empereur Charles VI, 1. Band, S. LXXXIX f. Der Kaiser wird von diesem Historiker sehr günstig beurteilt. 46) Mit Marschall Villars, der Eugens Gegner auf den Schlachtfeldern des Erbfolgekrieges und bei den Verhandlungen in Rastatt gewesen war, war er später enge befreundet. Arneth, S. 384 f.

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