Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen
482 Erika Weinzierl-Fischer bitte ich Sie, hochverehrter Herr Graf, es ebenso zu machen, und direkt an den Heil. Vater zu schreiben oder ihm ein Schreiben durch einen ihrer Bekannten direkt übergeben zu lassen. Das wirkt ganz gewiß gut. Ich meine, Sie sollten ihm — (vielleicht nebst einer kurzen Darstellung der Lage und der Gefahr) — zwei Dinge vorstellen: 1. daß es eine gewisse Schuld der Bischöfe ist, wenn die Sache so weit gediehen ist; wären sie früher entschiedener aufgetreten, so wäre es kaum so weit gekommen; jetzt muß man ihnen freilich zu Hilfe kommen. Aber ein entschiedenes, klares Wort wird ganz gewiß wirken; die bessern Elemente, die jetzt glauben, dem apostolischen Stuhl einen Dienst zu erweisen, wenn sie sich gegen die Bischöfe stellen, werden sich zurecht finden. 2. Das Unglück ist, daß die Leute schreiben, sprechen und reformiren wollen, ohne irgend etwas zu verstehen. Man muß sie anhalten, zuerst zu lernen und ernstlich zu studiren. Thun Sie das, ich bitte Sie, es wird gewiß nützen. Natürlich muß es absolut geheim bleiben. Auf meine Verschwiegenheit können Sie rechnen.“ Pergen beantwortete den dringenden Appell des Paters umgehend und teilte diesem mit, daß er bereits am 28. Jänner dem Kardinal-Staatssekretär Rampolla in dem von Weiß gewünschten Sinn geschrieben habe122). Ram- polla habe am 5. März geantwortet, was ein neuerliches Schreiben seinerseits natürlich erschwere. Im Dienst der guten Sache sei er jedoch auch dazu bereit. P. Weiß erhielt diese Nachricht kurz vor seiner Abreise aus Rom, als er sich des Scheiterns seiner Mission bereits bewußt war. Er versuchte daher, sich und Pergen mit einer euphemistischen Auslegung der Ereignisse zu trösten: „Nun, die einzige Thatsache, die Sie berichten, zeigt schon, daß die Dinge in Rom nun doch nicht gerade so liegen, wie es die Partei ausposaunt, besser gesagt, gewünscht hat. Rom ist nun eben doch katholisch und die Mutter aller, die ihm angehören. Ich glaube, daß die Dinge nicht so übel ablaufen werden: wir können dem Heiligen Stuhl hoffentlich noch dankbar sein und die „Christlich-Socialen“ könnten es — mir sein“ 123). Mit der Sanktionierung des von Prälat Schindler in Rom vorgelegten Programmes der christlichsozialen Partei124) durch den Papst der Enzyklika „Rerum novarum“ 125) und den Kardinalstaatssekretär hatte die junge Partei die politische Auseinandersetzung im innerkatholischen Raum 122) 1895 III 8. Pergen an Weiß = Anhang II. 123) 1895 III 14. Weiß an Pergen, Depot Pergen. 124) Funder, Vom Gestern ins Heute, a. a. O., S. 132 ff. — Die Sanktionierung des Programmes durch Rom ist allerdings an die Bedingung geknüpft gewesen, die starken antisemitischen Tendenzen der Partei künftig weniger wirksam werden zu lassen (ebendort S. 146). Vgl. dazu auch Karl Moser, Von der Emanzipation zur antisemitischen Bewegung, Ungedr. phil. Diss. Wien 1962, S. 128. 125) Leo XII. hat übrigens bei Konservativen wie Blome oder Stillfried bei weitem nicht die Sympathien erweckt wie Pius IX.: „Er (Blome) findet, Leo XIII. ist zu viel Diplomat.“ 1888 V 18. Stillfried an Pergen, Depot Pergen.