Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen

Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich 479 tretende Fiasko seiner mit so vieler Mühe aufgebauten „Ressource“' be­reitete. Falkenhayn 102) mit dem rein konservativen Klub, Vogelsang mit seinem sozialreformerischen Kreis zogen die katholischen Wiener an, wäh­rend der „Ressource“ immer stärker der Rücken gekehrt wurde103). Auch die finanziellen Schwierigkeiten wurden schließlich so groß, daß man sogar einen Bittgang zum Kaiser in Erwägung zog, ein Gedanke, den Landgraf Joseph Fürstenberg 104) entschieden ablehnte. Der Landgraf war eher für den Verkauf des Hauses, „den kaum 20 Menschen beklagen würden“, und legte selbst mit Rücksicht auf sein Alter den Vorsitz im Direktorium der „Ressource“ nieder105 *). Dagegen teilte Fürstenberg nicht die Meinung Pergens, daß der deutsch-konservative Parteitag im November 1880 in Linz „einen so nachtheiligen Einfluß auf die katholische Bewegung“ genommen habe und verteidigte Liechtenstein und einen weiteren Wegbereiter der Christlichsozialen, den Salzburger Domkapitular Lienbacher100), gegen­über Pergen107). Dieser litt damals an einer so tiefen Depression, daß er sich mit dem Plan trug, seine sämtlichen Funktionen im katholi­schen Vereinsleben niederzulegen. Fürstenberg riet Pergen jedoch dringend davon ab, weil die Frage, wer nach Pergen dessen Aufgaben übernehmen könnte, kaum zu lösen sei: „Denn es ist nicht Standesvorurtheil, sondern nur Lehre der Erfahrung, daß die Führung einem Mann zukommen soll, der einer hohen österreichischen Familie angehört“ 108). Graf Pergen hat dieser temporären Niedergeschlagenheit zunächst auch nicht nachgegeben, ja er hat gerade damals Vogelsang einen wertvollen Dienst geleistet. Vogelsang, der mit Beginn des Jahres 1881 die von ihm geleitete „Österreichische Monatsschrift für Gesellschaftswissenschaft" 10°) „auf eigene Gefahr und Kosten“ herauszugeben beabsichtigte, hat dies selbst bestätigt: „Sie, verehrter Graf, sind der einzige der Herrn, welche bisher subventionirten, der die Güte hatte, die seitherige Subvention auch ferner zuzusagen. Ich danke nochmals für die Ermuthigung und für die reelle Hilfe, welche Sie dadurch einem Unternehmen widmen, von dem ich 103) Julius Graf Falkenhayn (1829—1899), konservativer Politiker, Acker­bauminister 1879—1895. Österr. biogr. Lexikon a. a. 0., I, S. 285. 103) 1881 III 3. Stillfried an Pergen, Depot Pergen. 104) Joseph Egon Landgraf Fürstenberg (1808—1892), Senatspräsident beim Obersten Gerichtshof in Wien. Wolny a. a. O., S. 454. 105) 1880 XII 21. Fürstenberg an Pergen, Depot Pergen. 10°) Über die Tätigkeit Lienbachers, den Otto von Dahmen schon 1878 als „ein wenig zu eifrig“ kritisierte (1878 X 20, Dahmen an Pergen) und der sich 1884 von seinen konservativen Gesinnungsgenossen zurückzog und als „wilder" Abgeordneter jedem Klubverband fernblieb, vgl. Walter Stöger, Das Verhältnis der Konservativen zur christlichsozialen Partei, Ungedr. phil. Diss. Wien 1949, S. 8. 107) 188 0 XII 3. Fürstenberg an Pergen, Depot Pergen. 10«) 1880 XII 21. Fürstenberg an Pergen, ebendort. 10°) Über die seit 1879 erscheinende Zeitschrift vgl. Klopp, a. a. O., S. 153 ff.

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