Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

418 Hans Wagner reicher Ausstattung gegeben wurden. Das konnte damals keine Bühne des deutschen Sprachraums dem Burgtheater nachmachen118). Freilich hat Otto Brahm und dann Max Reinhardt der Regiekunst neue Wege gewiesen. Dem Burgtheater unter Schlenther standen solche Kräfte nicht zur Ver­fügung. Der Schädlichkeit der leichten Unterhaltungsstücke schließlich, die im Interesse der Theaterkasse nötig waren, wollte Schlenther selbst durch die Gründung einer zweiten Bühne begegnen, zu der es erst eineinhalb Jahr­zehnte später gekommen ist119). Trotz der unbestreitbaren Erfolge und des ebenso unbestreitbaren Be­mühens Schlenthers begann schon in den ersten Jahren seiner Direktion eine sich ständig steigernde Hetze der Kritik, die schließlich im Herbst 1909 eine auch heute nicht vorstellbare Gehässigkeit erreichte. Dahinter stand neben berechtigten Klagen über die Wahl der Stücke und über Mißerfolge bei neuen Engagements die Ablehnung der Moderne und der vielen Nord­deutschen, die Schlenther herbeigerufen hatte, auf Seite der Konservativen und die Entrüstung über die Nichtbeachtung der eigenen nicht sehr bedeu­tenden dramatischen Produktion bei den Wiener Schriftstellern der Mo­derne. Schließlich hatte Schlenther, überworfen auch mit dem Star des Burgtheaters, Josef Kainz, und der vernachlässigten Stella Hohenfels, der Gattin des die Nachfolge anstrebenden Alfred Freiherrn von Berger, alle gegen sich. Nur die Hoftheaterleitung unter Fürst Montenuovo hielt noch den stets Gleichmut bewahrenden Direktor, der die Unhaltbarkeit seiner Stellung längst erkannt hatte. Wieder einmal war eine der an Burg und Oper so beliebten Krisen hereingebrochen, bei der der Nachfolger schon feststand und die unter lebhafter Beteiligung der theaterfreudigen Wiener mit allen Mitteln gesteigert wurde. Die Aufführung des Stückes „Hargudl am Bach“, einer Satire des nicht unbegabten Brünner Dramatikers Hans Müller gegen die modernen Wiener Autoren, brachte am 23. Oktober 1909 den von Schlenther wohl absicht­lich herbeigeführten Höhepunkt der Krise. Es kam zu einem Theater­skandal, wie ihn Wien selten erlebt hat. In Sprechchören wurde die Ent­fernung des Direktors gefordert120). Unterschriftensammlungen wurden angelegt, eine Broschüre sollte zum Kampf aufrufen 121). Am 14. Novem­ber erschien im „Fremdenblatt“ ein vielbeachteter Artikel von Ludwig Hevesi. Er gipfelt in der Feststellung, daß „selten ein Mann von unleug­barem Wissen, tiefer Bildung und literarischem Ansehen eine so schmerz­liche und tiefe Enttäuschung als Theaterdirektor hervorgerufen hat“. Den nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt brachte dann ein Artikel des 118) Nagl-Zeidler-Castle IV, S. 1972. Vgl. dazu Gerda S w o b o d a, Der Schillerzyklus des Burgtheaters im Jahr 1905, Diss. Wien 1947 (Maschin- schrift). 119) Loth ar, a. a. O., S. 354—357, druckt die Denkschrift Schlenthers ganz ab. Lothar bezeichnet sie als „die einzige wirklich bedeutsame Tat Schlenthers“. >20) Nagl-Zeidler-Castle IV, S. 1979. 121) Neues Wiener Journal vom 17. XI. 1909.

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