Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 409 es meines Erachtens unaufführbar und wenn das Lessingtheater es an­genommen hat und im Februar auf die Bretter bringen will, so geschah es wol nur aus Schonung für den Verfasser und in der Annahme, daß er bis dahin in einer Heilanstalt untergebracht sein wird ... Mein Urtheil mag Sie befremden, aber bitte geben Sie das Stück, ohne den Namen des Autors zu nennen, einem Psychiater zu lesen; er wird kaum zu einem ande­ren Schluß kommen“ 67). Eine zweite Fassung hat dann Gnade gefunden, „es bleibt aber doch ein verrücktes Stück und ich habe immer Angst, daß man bei den ernstesten Stellen lachen könnte.“ Jettel brachte noch einige Zensurstriche an und wünschte eine diskrete Behandlung der Notzucht am Schluß des ersten Aktes68). Die erste Fassung hat Hauptmann selbst unterdrückt, er ersuchte Schlenther um Rücksendung der Exem­plare. „Ich möchte nicht, daß Exemplare davon in der Welt bleiben“ 6 *"). Die „Griselda“ war die letzte Hauptmann-Novität unter der Direktion Schlenthers. Um die Förderung des Tiroler Dramatikers Karl Schönherr hat sich Schlenther ebenfalls große Verdienste erworben. Sein erstes Stück am Burgtheater war der „Sonnwendtag“, der unter anderem den Jungtiroler Kulturkampf, aus der zeitgenössischen Los von Rom-Bewegung, in die Handlung brachte. Turner wollen an einem Wallfahrtsort Sonnwendfeuer entzünden. Ein solches Sujet mußte große Bedenken hervorrufen. Jettel betonte den Wert des Stückes: „Es ist, was Aufbau und scharfe Charakte­ristik betrifft, ein wahres Meisterwerk! — Allein — das Herz tut mir weh, es sagen zu müssen — aufführen können wir den ,Sonnwendtag“ weder im Burgtheater noch sonstwo in Österreich“ 7#). Direktor Schlenther gab das Stück auch Jakob Minor zur Beurteilung, auf den es einen sehr starken Eindruck machte. Er fürchtete aber auch, daß der Gegenstand trotz ob­jektiv-künstlerischer Behandlung zu heikel empfunden werde71). Wider Erwarten setzte sich dann Plappart sehr für den „Sonnwendtag“ ein und wollte ihn mit einigen Änderungen zur Aufführung bringen. Durch ihn wurde auch Jettel gewonnen. Schönherr, der überhaupt seine Stücke oft änderte, verfertigte eine neue Fassung. Plappart erklärte nun, daß es jammerschade wäre, wenn der ,Sonnwendtag“ in dieser Form nicht zur Aufführung käme72). Diese hat dann am 19. April 1902 stattgefunden. Ähnlich ging es mit der „Erde“, von der Schönherr zunächst selbst eingestand, „daß für dieses, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Erde entsprossene Stück das Burgtheater eigentlich der allerungeeignetste Boden 67) Undatiertes Schreiben (November 1908) an Schlenther, ebenda Kart. 3 Nr. 75. 68) Brief an Schlenther vom 12. I. 1909, ebenda. 69) Hauptmann an Schlenther vom 16. XII. 1908, ebenda. 7°) Brief an Schlenther im November 1901, ebenda Kart. 5 Nr. 131. 71) Minor an Schlenther, ohne Datum, ebenda. 72) Plappart an Schlenther vom 13. III. 1907, ebenda.

Next

/
Thumbnails
Contents