Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 403 literarischen Geschmack. Halbes „Strom“ kommt ihm sehr bedeutend vor, Maeterlincks „Monna Vanna“ findet er sehr interessant, Sudermanns „Es lebe das Leben“ sehr bedeutend. Hingegen wirkt Schnitzlers „Zwischen­spiel“ auf ihn peinlich und Bahrs „Apostel“ findet er „etwas sehr roh, die Sprache gewöhnlich“ 37). Gelegentlich tritt er wie Jettel gegen das Berline­rische auf, das einem bescheidenen Hochdeutsch weichen solle. Bei Haupt­manns „Rose Bernd“, die nach einigen Aufführungen abgesetzt werden mußte, weil Erzherzogin Marie Valerie daran Anstoß genommen hatte, war Plappart gegen die Freigabe des Stückes gewesen, die Schlenther dann nur durch Berufung an die höchste Instanz, den Obersthofmeister, durchsetzen konnte38). In ähnlicher Weise hat sich Plappart oft in die Angelegen­heiten der Burgtheaterdirektion gemischt und Schlenthers Tätigkeit mehr erschwert als der Zensor Jettel. Die oberste Instanz der Hoftheater war der Obersthofmeister, dem sie seit der Gründung der Generalintendanz 1867 direkt unterstanden. Nicht Fürst Liechtenstein, der erste Obersthofmeister, der noch bei der Bestel­lung Jetteis zum Zensor eingegriffen hatte, sondern Fürst Alfred Monte- nuov o, seit 1898 zweiter Obersthofmeister, leitete die Theaterangelegen­heiten 39). Er tritt als letzte Instanz in den Akten naturgemäß wenig hervor und scheint sich überhaupt gehütet zu haben, in literarische Fragen einzu­greifen. Gelegentlich haben sich die Autoren sofort an ihn gewendet und er hat diese Stücke meist ohne den Versuch einer Einflußnahme an den Direk­tor weitergegeben. Nur im Falle besonderer Protektion aus höchsten Gesell­schaftskreisen, etwa beim Festspiel der Gräfin Thun-Salm zum Kaiser­jubiläum, mußte Schlenther Rücksichten nehmen, die er in anderen Fällen nicht geübt hätte40). Auch beim Jubiläum Ferdinand von Saars hat Fürst Montenuovo eingegriffen. Auf eine Intervention der Fürstin Liechtenstein — Saar war alljährlich Gast bei ihrem Neffen Fürsten Salm — setzte sich der Obersthofmeister für die Aufführung eines Stückes Saars ein41). Mon­30 Ebenda Kart. 1 Nr. 2, Kart. 3 Nr. 62, Kart. 4 Nr. 109, Kart 5 Nr. 129 und Kart. 6 Nr. 142. 38) Plappart an Schlenther vom 3. XII. 1904 1904 („Blumenboot“ von Suder­mann) : „Da ich vermute, daß Sie großen Wert auf die Aufführung legen, so bitte ich, wie im Falle ,Rose Bernd* die Entscheidung des Fürsten anzurufen“ (ebenda Kart. 6 Nr. 145). 39) Nagl-Zeidler-Castle IV, S. 1978, behauptet, daß die Ernennung Fürst Monténuovos zum ersten Obersthofmeister vom 5. I. 1909 einen Wechsel der Obersten Hoftheater-Direktion mit sich gebracht hätte, der dann auch den Sturz Schlenthers herbeigeführt habe. Das ist nicht richtig. Der erste Oberst­hofmeister Fürst Liechtenstein hat Fürst Montenuovo die oberste Leitung der Hoftheater schon 1898 übergeben. 40) „Des Kaisers Traum“, Festspiel der Gräfin Christine Thun-Salm zum Kaiser-Jubiläum 1908 (Bg. Th. SR, Kart. 6 Nr. 151). 41) Briefe Montenuovos und Thimigs an Schlenther vom 17. und 24. VII. 1902, ebenda Kart. 5 Nr. 121. Am 14. XII. 1903 wurde „Eine Wohltat“ von Saar aufgeführt. 26*

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