Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

400 Hans Wagner dem Generalintendanten in Verbindung und holte deren Gutachten ein. Daraus entsprang in den meisten Fällen die erhaltene Korrespondenz, die so nicht den normalen Amtsweg, sondern einen Vorgriff darsteilt, zu dem der eigentliche Zensurbescheid nur noch den Schlußpunkt setzte. In der Person des Hofrats Emil J e 11 e 1 von Ettenach hat Direktor Schlenther einen verständnisvollen, am Theater interessierten und der Mo­derne nicht grundsätzlich abgeneigten Zensor gefunden. Freilich war er in erster Linie Jurist und ein erfolgreicher Beamter, der mit den Musen wenig Umgang gepflogen hatte, bevor er mit dem literarischen Amt betraut wurde. Sein Vater war ein Rechnungsrat beim Handelsministerium gewe­sen, seine Mutter stammte aus der Beamtenfamilie Senfft von Pilsach. So machte der junge Jurist, der am Wiener Landesgericht praktiziert hatte, im Ministerium des Äußeren rasch Karriere. 1892 verfaßte er ein Handbuch des internationalen Privat- und Strafrechtes. Er war Mitglied der Prü­fungskommission für den diplomatischen Dienst und wurde 1902 mit der Leitung des Literarischen Büros im Ministerium des Äußeren betraut. 1906 erhielt er Titel und Charakter eines Sektionschefs. Seine Verdienste wurden durch hohe Orden — so 1908 durch das Großkreuz des Franz Josefs-Ordens —, durch die Erhebung in den Adelsstand 1894 und nach seiner Pensionie­rung 1910 in den Freiherrenstand gewürdigt24). Die Zensur behielt er auch nach seiner Versetzung in den Ruhestand unter Schlenthers Nachfolger Baron Berger bei. Jetteis Ruf als Theaterfachmann scheint groß gewesen zu sein, da er 1909 zur Zeit der Burgtheaterkrise vor dem Abgang Schlen­thers als möglicher Nachfolger in der Direktion genannt wurde25). Der Jurist Jettel kannte — offenbar als eifriger Theaterbesucher — den Geschmack des Wiener Publikums genau. Er hat oft vor Experimenten ge­warnt und Schlenther von der Annahme von Stücken abzubringen ver­sucht, die dann in Wien auf Ablehnung stießen. Schlenther selbst charak­terisiert den Zensor einmal in einem Schreiben an Sudermann, als er Ände­rungen in dessen Berliner Sittenstück „Das Blumenboot“ vorschlug: „Unser Censor hat etwas von der Seele unseres Publicums, das sehr viel für Ver- hülltheiten und sehr wenig für nackte Ausdrücke übrig hat“ 26). Ein Freund Schlenthers rühmt Jettel als künstlerisch freidenkenden Zensor27). Auch die Schriftstellerin Marie Eugenie delle Grazie, deren blasse und kon­ventionelle Versdramen freilich wenig von der Zensur zu fürchten hatten, schreibt: „Herr Hofrat Jettel gilt in den Wiener litterarischen Kreisen als hochsinniger Censor“ 28). Besonders abgeneigt war Jettel der Verwendung des norddeutschen Dia­24) Personalakt Jettel und Gotha, Freiherrliches Taschenbuch 1913. 25) Lothar, a. a. O., S. 352. 2«) Bg. Th. SR, Kat. 6, Nr. 145, vom 7. IV. 1905. 27) Z weybrück, a. a. O., S. 463. 28) Brief an Schlenther vom 21. VI. 1899, Bg. Th. SR, Kart. 3 Nr. 56.

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