Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

398 Hans Wagner Zeitung15). Hugo Thimig war ein langjähriger Bekannter Schlenthers und hat sicher am meisten zu dieser überraschenden Berufung beigetragen. Thimig war es auch, der dann durch Schlenther die besten Regieaufgaben erhalten und durch lange Jahre seinen Direktor trotz heftiger Pressean­griffe unterstützt hat. Verdankte so Schlenther seine Berufung in der Hauptsache einer Partei unter den Schauspielern, so geht es doch zu weit, ihn als „den durch Intriganten herbeigeholten Ostpreußen“ zu bezeich­nen 16). Die Generalintendanz hat sich nämlich auch an Fachleute gewendet, deren Urteil glänzend lautete. Jakob Minor äußerte sich sehr anerkennend über die wissenschaftliche Leistung Schlenthers, „eines der wenigen, die Theatergeschichte nicht als Mythengeschichte, sondern kritisch bearbei­ten“ 17). Professor Erich Schmidt, der Lehrer Schlenthers, nahm sich be­sonders seines ehemaligen Schülers an. Er schreibt, daß man keinen Be­rufeneren aufstellen könne, wenn in Österreich ein geeigneter Kandidat fehle. Er schätzt Schlenther nach zwanzigjähriger Bekanntschaft mensch­lich und literarisch gleich hoch ein, er rühmt seine sichere Witterung für neue Talente, seine Unparteilichkeit, er hält ihn für einen durchaus zuver­lässigen und ehrenhaften Menschen18). Bei solchen Empfehlungen war es kein Wunder, daß Schlenther alle Konkurrenten aus dem Feld schlug. Die gelehrten Freunde haben allerdings nur über die menschlichen und wissen­schaftlichen Qualitäten des neuen Direktors ausgesagt. Seine praktischen Fähigkeiten mußte er erst beweisen. Als Theaterdirektor war er ebenso Autodidakt wie sein Vorgänger, seine theoretische Ausbildung entsprach aber schon der später für viele Theaterleiter üblichen. Vor allem aber war es höchst unsicher, wie sich der gebürtige Ostpreuße an das Wiener Milieu gewöhnen und mit den Hofstellen auskommen würde. Das letztere ist ihm überraschend geglückt, das erstere weniger und daran ist er — allerdings erst nach zwölfjähriger, also für einen Burgtheaterdirektor erstaunlich langen Tätigkeit — gescheitert. Mit Paul Schlenther ist ein Mann an die Spitze des Burgtheaters ge­führt worden, der als entschiedener Verfechter der Moderne einer ganz anderen Welt angehörte als die reaktionären Hof kreise und das konserva­tive Burgtheaterpublikum. Er war in Berlin einer der Begründer der „Freien Bühne“ und wurde 1893 Obmann dieses Vereins. Seine Frau, die Schauspielerin Paula Conrad, war eine gebürtige Wienerin. Schlenther mußte sich ausdrücklich verpflichten, während seiner Direktion seine Frau weder am Burgtheater noch an einer anderen Wiener Bühne auftreten zu 15) N agl-Z eidler-C as tie, Deutsch-österreichische Literaturgeschichte, vierter Bd., Wien 1937, S. 1962. 16) Ebenda, S. 1665. 17) Schreiben vom 13. XII. 1897 an den Geheimen Rat v. Hartei, Gen. Int. ZI. 54 ex 1898. 18) Schreiben an Hartei vom 15. XII. 1897, ebenda.

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