Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
STURMBERGER, Hans: Ein Brief Johann Friedrich Böhmers an Anton v. Spaun
370 Hans Sturmberger hunderts wirkendes Epigonentum die Größe und Bedeutung der romantischen Ära wieder voll zu erkennen vermögen. Der Adressat des erwähnten Briefes aus Frankfurt Anton v. Spaun7) in Linz ist in der Geschichtswissenschaft weniger bekannt. Auch er ist Dilettant in der Historie und in der Literaturwissenschaft. Auch ihn beseelte die leidenschaftliche Liebe zum Mittelalter, zur „altdeutschen“ Kunst, die er im Lande Oberösterreich wieder entdeckte. Er ist der Begründer des oberösterreichischen Musealvereines8), er gehört zu den Vätern des oberösterreichischen Urkundenbuches 9), er ist der Streiter für die oberösterreichische Herkunft des Nibelungenliedes, der große Förderer des Volksliedes, der Freund Moritz v. Schwinds und Franz Schuberts, der Mann der alten Landstände, der im Landtag des Jahres 1848 für eine neu-ständische Ordnung plädierte, der Mann, von dem Adalbert Stifter sagte, das Jahr 1848 habe ihm das Herz gebrochen. Er ist der „Klassiker“ der Romantik des Landes ob der Enns, eine der edelsten Erscheinungen der Geschichte dieses Landes, ein Mensch von heiterem, reinem Geiste und hoher Sittlichkeit. „Der edle Spaun“ — wie man ihn gerne nannte —, das war keine Phrase, sondern Ausdruck der Überzeugung seiner Zeitgenossen. Und wenn Böhmer von sich sagte: „Ich stehe mitten in der Sphäre der Romantiker und gehöre diesen innerlichst an“ 10 11), so hätte der Oberösterreicher Anton v. Spaun dies mit gleicher Berechtigung von sich sagen können. Böhmer kam nur gelegentlich seiner Archivreisen nach Oberösterreich und das war, nachdem er 1833 erstmals in St. Florian und Linz geweilt hatte, insgesamt 5 mal. Darum kannte er natürlich das Land nur, wie er sagte, „im Vorübergehen“, aber er fühlte sich dem kleinen Land ob der Enns doch sehr verbunden und sein 1856 an Maria Görres geschriebenes Wort „Es ist in mir eine Sehnsucht geblieben, dieses Land näher kennen zu lernen“ u), läßt diese Zuneigung deutlich erkennen. Bei seiner ersten Anwesenheit in Oberösterreich im September 1833, wo er das Stift St. Florian unter Stülz’ Führung besichtigte, und dort „allzu kurz weilte“ 12), nahm er in Linz Aufenthalt. Offenbar weilte Spaun zur gleichen Zeit wie Böhmer im Stifte St. Florian und reiste mit ihm in die oberösterreichische Landeshauptstadt, oder die beiden Männer lernten sich bei Chmel in Wien kennen 7) J. Angsüsser, Anton Ritter von Spaun, Jahrbuch des o. ö. Musealvereins 85 (1933); 0. Jungmeier im Anhang zu A. R. Hein, Adalbert Stifter 2. A. (1952), S. 902; H. Sturmberger, Anton von Spaun und der Geist des Barockzeitalters, Jahrbuch OÖ. Musealverein 98 (1953). 8) I. Zibermayr, Die Gründung des oberösterreichischen Musealvereins, Jahrbuch d. o. ö. Musealvereins 85 (1933), S. 69 ff. 9) E. Trinks, Das Urkundenbuch des Landes ob der Enns, ebda. S. 587 ff. 10) Janssen 1, S. 100. 11) Böhmer an Maria Görres, 3. 1. 1856, Janssen 3, S. 169. 12) Böhmer an Guido Görres, 12. 12. 1833, Janssen 2, S. 221.