Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

566 Literaturberichte eine möglichst enge Union mit dem Inselreich, anderseits unterstützte er die Rivalität beider Mächte und war leidenschaftlich auf die Wahrung des französischen Prestiges und den Ruhm Frankreichs bedacht. Die vorlie­gende Arbeit berichtigt ferner die bisher vertretene Anschauung, daß Tocqueville grundsätzlich immer gegen die Regierung gestimmt habe. Vor allem auf dem „neutralen“ Boden Algeriens und in der Frage der Sklaverei war er sogar zu einer recht positiven Einstellung geneigt. Überhaupt wollte er die Regierung zumindest solange nicht stürzen, als er keinen besseren Ersatz wußte. Er selbst stand ja in der Kammer völlig isoliert und hatte keine Bindungen zu einer der Parteien. Ähnlich vielschichtig wie auf außenpolitischem Gebiet ist Tocquevilles Stellungnahme zur Kolonialpolitik, wo sehr aufgeklärte und humanitäre Ansichten unvermittelt neben einem Eintreten für rücksichtslose Gewaltanwendung stehen. Typisch für seine auch sonst vertretenen Grundsätze ist die Meinung, daß in Algerien eher die Institutionen als die leitenden Männer schlecht seien und eine Erwei­terung der lokalen Autonomie das beste Heilmittel darstelle. Der wissenschaftliche Apparat der vorliegenden Studie gibt zu einigen Bemerkungen Anlaß. Fremdsprachliche Titel sind mehrfach sehr fehler­haft wiedergegeben (S. 11 Anm. 45, S. 143 Anm. 50, S. 186 Anm. 2); ferner scheint etwa S. 44 Anm. 5 die Erläuterung des Begriffes „hohe ottoma- nische Pforte“ in einer wissenschaftlichen Arbeit überflüssig (überdies ist die dort gegebene Gleichsetzung mit Türkei zumindest ungenau). Eben­so sind die Anmerkungen bei Besprechung der Reden künstlich vermehrt und nach jedem zweiten Absatz wird die Nummer des Moniteur Universel zitiert. Auch im Literaturverzeichnis fällt die große Zahl der darin an­geführten Übersichtswerke auf. Was mit der Anmerkung 10 auf S. 46, Byzanz habe schon seit dem 10. Jhdt. mit Bagdad in der Stellung als Zentrum des Islam rivalisiert, gemeint sein soll, ist dem Rezensenten un­klar. Die Appendices wären eher als Exkurse zu bezeichnen oder noch besser in stark gekürzter Form als Fußnoten den entsprechenden Text­stellen beizugeben. Im Literaturverzeichnis fehlen bei der Zeitschrift Le Siede gerade die Nummern, in denen Tocquevilles Aufsätze stehen. Das Register ist recht ausführlich. Diese kleineren Mängel sind aber wohl bei einer Dissertation durchaus entschuldbar und sollen auch keineswegs die Bedeutung der Arbeit für die Kenntnis der Ideenwelt Tocquevilles herabmindern. ( Walter W a g n e r (Wien). ' Lorenz Reinhold, Kaiser Karl und der Untergang der Donaumonarchie. Ver­lag Styria, Graz-Wien-Köln (1959), XXIV und 692 Seiten. Das vorliegende Werk wird vom Verf. mit Recht als die erste auf wissen­schaftlicher Grundlage erarbeitete Biographie Kaiser Karls bezeichnet. Ihr liegt nicht ein apologetisches oder anklagendes Motiv zugrunde, sie ist viel­mehr nach den Worten des Verf. nach den gültigen Richtlinien der Ge­schichtswissenschaft gestaltet worden. Die Geschichte des Untergangs der Donaumonarchie, die in der Zwischenkriegszeit noch zu sehr der Polemik unterworfen war, ist durch die Geschehnisse des zweiten Weltkrieges zur bewältigten Vergangenheit und damit auch reif für eine Darstellung des letzten Kaisers der Monarchie

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