Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

Rezensionen 549 es sich bei der Abtretung Venetiens an Frankreich nur um ein Durch­gangsstadium handeln könne, wird man wohl in Turin angenommen haben. Der rasche preußische Sieg 1866 veränderte die gesamte Situation und damit auch die Stellungnahme Bismarcks zu Napoleon (3. Teil). Hatte Bismarck bisher sein Hauptaugenmerk darauf verwendet, die Souveränität Preußens vor Napoleon zu schützen, so hatte er von nun an großes Inter­esse am Fortbestand der Herrschaft des Kaisers und der Durchführung seiner persönlichen Politik. Dies zeigt sich schon in der Rücksichtnahme auf die schwierige Stellung, in die Napoleon durch Veröffentlichung seines Vermittlungsangebotes geraten war. So trat der paradoxe Fall ein, daß der Nikolsburger Vorfriede mehr mit Frankreich als mit Österreich aus­gehandelt wurde. In dieser Situation riefen das eigenmächtige Vorgehen des preußischen Gesandten in Paris v. d. Goltz, der entgegen seinen Instruk­tionen keine Annexionen für Preußen forderte, und die Kompensations­wünsche des französischen Außenministers Drouyn de Lhuys, die sogar zu seinem Sturz führten, mehrfach große Schwierigkeiten hervor. Die gründliche Untersuchung der französisch-preußischen Verhand­lungen nach Königgrätz bildet dann die Basis für eine Erörterung des nachfolgenden komplizierten diplomatischen Spieles um Belgien und Luxemburg mit dem Bestreben Napoleons, möglichst einige kleine Prestige­erfolge zu erringen und Preußen doch noch an Frankreich zu binden. Hier taucht auch das in der ganzen weiteren Amtszeit Bismarcks immer wieder versuchte Mittel einer Ablenkung des französischen Ehrgeizes auf orientalische und außereuropäische Fragen auf, das freilich damals wie später keinerlei Erfolg hatte. Eine Gefahr für Preußen stellte das Auf­kommen einer Kriegspartei in Frankreich dar, die zur Erhaltung der Herrschaft Napoleons einen möglichst eklatanten Erfolg über Preußen und Norddeutschland, selbst auf die Gefahr eines Krieges, anstrebte. Im Gegensatz zu dieser durch Benedetti und Moustier repräsentierten Gruppe will der Kaiser selbst das Risiko eines Nationalkrieges auf jeden Fall ver­meiden, da eine Niederlage das Ende seiner Existenz bedeutete, aber selbst ein Sieg die gefährliche Konkurrenz des siegreichen Generales mit sich brächte. Überdies war sich Napoleon über den schlechten Zustand seiner Armee durchaus im klaren. Im 4. Teil bekämpft Geuss nachdrücklich die weit verbreitete Ansicht, Bismarck habe die französische Politik 1867—-1870 als einheitliches Gebilde mit schlechthin agressiver Tendenz betrachtet; er weist nach, daß ganz im Gegenteil Bismarck auf das Vorhandensein zweier Parteien, einer um Napoleon. Lavalette und gelegentlich Rouher, und der Kriegspartei Rück­sicht nahm und vielfach Schwierigkeiten zu beseitigen trachtete, nur um Napoleons Stellung nicht zu gefährden. Im Gegensatz zu der sonst meist sehr tendenziösen Darstellung der Politik Beusts in der deutschen Ge­schichtsschreibung wird hier klar darauf hingewiesen, daß deren Schwer­punkt eindeutig im Orient lag und Beust zu einer direkt preußenfeindlichen Politik nicht bereit war, weshalb Bismarck den französisch-italienisch- österreichischen Dreibundverhandlungen keine große Bedeutung beimaß. Die Tätigkeit der französischen Kriegspartei machte sich sogar in einer äußerst tendenziösen Berichterstattung des Botschafters in Berlin Benedetti

Next

/
Thumbnails
Contents