Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

Rezensionen 547 seiner Berufung zum preußischen Gesandten beim deutschen Bundes­tag in Frankfurt als Vertreter der österreichfreundlichen Politik im Sinne der Heiligen Allianz und als Gegner Frankreichs galt, wandte sich sehr bald gegen Österreichs Vormachtstreben und vertrat die Ansicht, man solle sich nicht mit Frankreich verfeinden, sondern sich die Möglichkeit eines solchen Büdnisses als Druckmittel gegen Österreich und die Mittelstaaten jederzeit offen halten. Wichtig war für ihn naturgemäß vor allem, sich möglichst genau über die Stellung Napoleons in Frankreich und seine politischen Ansichten zu informieren, was ihm durch engen Kontakt mit der französischen Gesandtschaft in Frankfurt und durch mehrere persön­liche Unterredungen mit Napoleon bald gelang. Er kam so zu einem völlig anderen Napoleonbild als dem in Berlin vorherrschenden. Napoleon sei kein ehrgeiziger Eroberer oder romantischer Abenteurer, er sei auch durchaus nicht so sehr an Verstand und Willenskraft überlegen, wie man annehme. Dem Kaiser gelang es völlig, Bismarck davon zu überzeugen, daß er nicht die Erwerbung des Rheinlandes anstrebe, da eine solche den Gewinn Belgiens und Hollands notwendig machen und dann unweigerlich zu einer europäischen Koalition gegen Frankreich führen müsse. Anderseits entnahm Bismarck seinen Äußerungen, daß er sich ein viel höheres Ziel vorgenommen hatte, nämlich die Erringung der Hegemonie über Europa, indem er ein vergrößertes Piemont und ein vergrößertes Preußen an sich zu binden suchte, womit ihm die Vorherrschaft im Mittelmeer und die Unterstützung mehrerer Flotten zweiten Ranges gegen England zufallen mußte. Er versuchte denn auch immer wieder, Preußen zu einer maritimen Rüstung zu bereden und bot als Basis die Erwerbung Hannovers und der Elbeherzogtümer an. Als Kompensation für diese bedeutende Gebiets­erweiterung denke er lediglich an eine kleine Grenzberichtigung, um den französischen Nationalstolz zu befriedigen. Bismarck gelangte zu der Auf­fassung, Napoleon sei von nationalen Leidenschaften frei, er sei kein Vor­kämpfer nationaler Ideen, sondern wollte sich ihrer nur im Dienste der Machtinteressen Frankreichs bedienen. Es schien daher möglich, sich auf der Basis einer von nationalen Empfindungen freien Kabinetts- und Interessenpolitik im Stile des 18. Jhdts. finden zu können. Solange Napoleon sein autokratisches Regime mit parlamentarischer Fassade aufrecht er­halten konnte, hielt Bismarck die französische Politik für durchaus berechenbar, während die Ersetzung des Empire durch eine Republik als große Gefahr betrachtet werden müsse. Die eingehende Kenntnis Bismarcks von den Absichten Napoleons gab ihm beim Bundestag eine große Sicherheit des Auftretens gegenüber Österreich und erklärt auch weitgehend seine preußische und deutsche Politik bis 1866, ja in gewissem Sinne bis 1870, vor allem die Präzision in der Wahl seiner Mittel. Zunächst galt es freilich, diese seine An­schauungen allmählich in Berlin durchzusetzen, was ihm dann die Ver­setzung nach Petersburg und den Widerstand des Königs gegen seine Ernennung zum Minister einbrachte. Statt der Ministerpräsidentschaft mußte er nach Paris gehen, wo er neuerlich Gespräche mit Napoleon führte. Der Kaiser suchte Preußen zu einer energischen deutschen Politik zu bewegen. Durch die damals auftretenden innenpolitischen Schwierig­35*

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