Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

BRUSATTI, Alois: Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österreichischen Vormärz

376 Alois Brusatti das Betriebskapital selbst aufbringen. Sie konnten gar nicht die Anleihen selbst zeichnen, sondern sie dienten nur als Banken bei der Emission der Obligationen; sie waren also Vermittler zwischen dem „Publikum“ — um einen Lieblingsausdruck der damaligen Zeit zu gebrauchen — und dem kapitalbedürftigen Staat, bzw. den Unternehmern, womit sie naturgemäß eine wichtige wirtschaftliche Funktion übernommen hatten. 7. Zusammenfassung. Zu Anfang dieser Arbeit wurde von mir die Frage aufgeworfen, woher das Kapital für die Industrie, aber auch für die Landwirtschaft und die Vekehrsunternehmungen, die alle in der Zeit von etwa 1830 bis 1848 eine gewaltige Ausweitung erfuhren, hergekommen war. An zwei Beispielen, nämlich an dem der sogenannten Privatanleihe und an der Entwicklung der Aktiengesellschaften, sollte gezeigt werden, daß die Kapitalsbeschaf­fung weitgehend im Inland mit Hilfe inländischer Kreditinstitute erfolgt war. Dabei konnte natürlich nicht gezeigt werden, wie groß der Umfang dieser Kreditoperationen im gesamten Rahmen war und in welchem Um­fang andere Möglichkeiten, z. B. die Eigenfinanzierung der Betriebe ins Gewicht fielen. Ich vermute, daß die Eigenfinanzierung von Unternehmun­gen in Zeiten guten Absatzes verhältnismäßig hoch war; denn die steuer­liche Belastung war ja sehr gering (s. o.) und auch die Löhne und alles, was man unter sozialen Abgaben zusammenfassen könnte, fiel nicht sehr ins Gewicht. Diese Eigenfinanzierung war aber nur für solche Unternehmen bedeutsam, die bereits einige Zeit bestanden. Entscheidend wurde aber der Kapitalbedarf für solche Betriebe, die erst gegründet werden sollten. Wenn da nicht aus mehr oder minder zufälligen Quellen (Heirat, Erbschaft, Ein­wanderung, Abverkauf von einem Teil des alten Besitzes u. ä. m.) Kapital vorhanden war, mußte man sich nach irgendeinem Kredit Umsehen. Und es ergab sich als Ergebnis dieser Untersuchung die Feststellung, daß es in der österreichischen Monarchie, vor allem in Wien, ein verhältnis­mäßig großes und auch gut funktionierendes Netz von „Großhandlungs- und Wechselhäusern“ gab, die als Kreditgeber in Frage kamen. Es konnte ge­zeigt werden, daß diese Kreditmöglichkeiten von kleinen Firmen wenig benutzt wurde; aber diese Klein-Unternehmungen, meist handwerklicher Art, hatten Fremdkapital wahrscheinlich kaum nötig; denn für die Grün­dung eines kleinen Unternehmens haben meistens persönliche Tüchtigkeit und ein kleines Anfangskapital, das der Unternehmer irgendwo herbrachte, genügt, während für den Ausbau und die Fortführung eines solchen Unter­nehmens, das im verhältnismäßig bescheidenen Rahmen gehalten war, die Eigenfinanzierung ausreichend war. Anders aber lag der Fall bei den Großbetrieben: hier half die Auf­nahme von einem Darlehen oder die Gründung einer Aktiengesellschaft;

Next

/
Thumbnails
Contents