Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

BRUSATTI, Alois: Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österreichischen Vormärz

374 Alois Brusatti diejenigen, die zusammen das meiste Kapital zur Errichtung der Industrie in Österreich zur Verfügung stellten. Doch alle diese Häuser wurden durch das Haus M. A. Rothschild & Söhne, Frankfurt — so betitelte es sich bis 1848 — übertroffen 1S4). Salomon Rothschild wurde im Vormärz die beherrschende Figur der österreichischen Finanzwelt und ein maßgeblicher Faktor im gesamten wirtschaftlichen Bereich; über seinen politischen Einfluß ist hier nicht zu urteilen. Nachdem er sich binnen kurzer Zeit eine führende Position im Staatskredit geschaffen hatte, die er aber immer noch auszubauen verstand, wurden er und sein Haus auch für den gesamten Privatkredit von aus­schlaggebender Bedeutung. Mit Salomon Rothschild kam der erste Nur- Bankier nach Österreich, der sein gewaltiges Vermögen fast ausschließlich auf dem Wege finanzieller Transaktionen und sonstiger Geldgeschäfte erworben hatte; erst nachdem er Österreichs führender Bankier gewor­den war, fing er an, sich an Unternehmen zu beteiligen 13r>) oder er wurde selbst Unternehmer, das heißt zumindest Gründer von Unternehmungen, von denen eine Reihe schon aufgezählt wurden, bis er schließlich 1833 auch Landgüter und Herrschaften zu kaufen anfing. Um 1840 galt er bereits als der vermögendste Mann der ganzen Monarchie. Führend in Österreich und mit seinen Brüdern zusammen in ganz Europa dürften die Rothschild im Depositengeschäft gewesen sein; die Gelder, die vor allem Mitglieder der regierenden Häuser und des Hochadels Rothschild auf längere Zeit gegen an sich gute Zinsvergütung überließen, mußten enorm gewesen sein. Aber aus allen Berichten geht hervor, wie die Rothschilds besonders in dieser Hinsicht sehr korrekt gehandelt hatten, was für ihre gesunde Auffassung auf die Bedachtnahme eines guten Rufes ihres Hauses spricht. Ich habe das hier nur eigens betont, weil es bisher nicht so deutlich gesagt wurde und es mir gerade in den Akten des Finanz­ministeriums stets gegenüber trat. Aus der folgenden Statistik (Tafeln zur Statistik der betreffenden Jahre) geht hervor, wie umfangreich dieser Berufsstand war: (Die jeweils erste Rubrik betrifft die „Wechsler“, die jeweils 2. die „Großhändler“). Diese Zahlen wurden auf Grund der Erwerbsteuer erfaßt; da in Un­garn keine Erwerbsteuer zu zahlen war, so ist auch die Zahl der Wechsler und Großhändler dieses Reichsteiles nicht erfaßt worden. Auch im lom- 134 135 * 134) Vgl. vor allem Conte Corti: Rothschild ... (s. o.). Dieses Buch ist viel kritisiert worden, vor allem seiner dem historischen Roman angenäherten Form wegen. Trotz dieses nicht immer ganz begründeten Vorwurfes der Unwissen­schaftlichkeit ist es die einzige großzügig angelegte Biographie des Hauses Roth­schild. — Natürlich stellt der Autor die Familie Rothschild zu sehr in den Vor­dergrund und übersieht in manchen Fällen die wirklichen Gründe der Ereignisse, aber davon abgesehen ist das Eindringen dieser jüdischen Familie in die euro­päische Finanz- und in die österreichische Gesellschaftswelt sehr fein beobachtet. 135) Neben den schon erwähnten großen Beteiligungen vor allem vgl. Corti: Rotschild ..., Bd. II., S. 130.

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