Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

PILLICH, Walter: Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1638–1780

518 Literaturberichte Trotzdem stellt sich der Autor auch entschieden gegen Karl Kautsky, den alten marxistischen Ideologen, der sich vom Standpunkt des histori­schen Materialismus aus mit dem Problem des Täufertums beschäftigt hatte, dieses aber „allzu unvermittelt und übergangslos“ vielfach mit dem frühen Proletariat gleichgesetzt und „soziale und politische Überlegungen und Strebungen“ vorausgesetzt habe, „die in solcher Bewußtheit die vom Entwicklungsstand des 16. Jahrhunderts gezogene Denkschranke über­schritten“. Der Verfasser hingegen will die Vorstellungen der Menschen nicht mechanisch aus der jeweiligen Kiassenkampfsituation ableiten, wie dies geschehen ist, sondern die „zeitgenössische Bewußtseinstradition“ be­achten, durch die hindurch die „objektive Wirklichkeit“, eben die Klassen­kampfsituation mit ihren ökonomischen Triebkräften, sich nur verzerrt und entstellt wiederspiegle. Die zur bloßen Bewußtseinstradition degradier­ten religiösen Kräfte werden doch immerhin wenigstens subjektiv ernst genommen. Die außerordentlich starke Jenseitsgebundenheit der Zeit, der fast unerschütterliche Gottesglaube, ja auch die Möglichkeit der Verrich­tung eines Werkes — etwa der Summa des Thomas von Aquin — zur Ehre Gottes wii'd anerkannt und in die Wagschale geworfen. In diesem Sinne wagt der Autor entschiedene Richtigstellung der Auffassungen Kautskys und des neuen russischen Autors Smirin, und will zu einer tieferen Auffassung des historischen Materialismus auf diesem Sektor den Weg bahnen, unter Verzicht auf marxistische Vereinfachung zugunsten einer echten Wissenschaft. Er beruft sich übrigens hiebei auf Friedrich Engels selbst. Wenn der Autor sein erstes Kapitel „Der läuferische Radikalismus“ benennt, so versteht er damit die Anknüpfung und enge Verflechtung dieser Lehre mit den religiös-revolutionären Strömungen, die als Begleiterschei­nungen der Reformation und im Zusammenhang mit dem Bauernkrieg wachgeworden waren: Thomas Müntzer und Hans Hut. Bei Müntzer, des­sen gewaltiger Einfluß auch noch über seinen Tod hinaus hervorgehoben und nachgewiesen und dessen religiös-ethischer Endzweck voll anerkannt wird, sei zwischen dem subjektiven Wollen und dem objektiven Wirken im sozial-revolutionären Sinne zu unterscheiden, zu dem sein Wort die Massen hinriß. Bei Hans Hut wird darauf hingewiesen, daß sein end­zeitlich gerichtetes Denken aus der Niederlage der Bauern und der darauf folgenden Resignation zu verstehen sei, von der das Täufertum überhaupt geprägt sei. Im frühen Täufertum aber seien Ansätze sowohl zur pazifisti­schen, wie auch zur kämpferischen Entwicklung, beide aus einem Gegen­satz zu den herrschenden Schichten entsprungen. Ein zweites Kapitel behandelt unter dem Titel „Der täuferisehe Pazi­fismus“ eigentlich die religiösen Lehren der Täufer und hier wird wohl mit Recht als charakteristisch die Bildung abgesonderter kirchlicher Ge­meinden im Sinne des Sektierertums angesehen, wogegen die Spättaufe als Kriterium viel weniger ins Gewicht falle. Aus dem reichlich vorhan­denen Quellenmaterial, das dem Autor in verschiedenen Veröffentlichungen gedruckt zur Verfügung stand, nimmt er Belege für die Stimmung der Ent­täuschung gegenüber dem Luthertum, das die Hoffnung, sowohl im reli­giösen wie sozialen Sinn verstanden, an sich gebunden hatte. Weitere Ab­

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